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„Ich fühle mich nie verloren unter Büchern.“ – Michael Köhlmeier im Gespräch

In seinem neuesten Buch widmet er sich fantastischen Figuren: den Riesen. Michael Köhlmeier im Gespräch mit Dorothea Zanon.

Eine ganze Generation ist mit Michael Köhlmeiers Stimme im Ohr aufgewachsen, hat gebannt den abenteuerlichen Geschichten aus Mythen- und Sagenwelten gelauscht.
Seine leidenschaftliche Freude am Erzählen spürt man in seinen berühmten Nacherzählungen klassischer Stoffe ebenso wie in seinen Romanen. Gerade ist sein „Lied von den Riesen“ im Haymon Verlag erschienen, eine fantastische Geschichte, die mit der Sage der Frau Hitt ihren Anfang nimmt.

In deinem neuen Buch schickst du den Sohn von Frau Hitt, einen kleinen Riesen, auf die Reise, seine Mutter aus der Versteinerung zu retten – hat sie die Strafe nicht verdient?

Oh nein! Sie wurde in Stein verwandelt, weil sie gegen das Brot gesündigt hat. In meiner Geschichte weiß sie nicht, wozu Brot dient, und sie wischt damit den Hintern ihres Söhnchens. Eine zärtliche Mama.

Was fasziniert dich an der Arbeit mit Mythen- und Sagenstoffen, oder auch mit der Bibel – sind es die Figuren und deren Geschichten, oder sind es die besonderen Erzähltraditionen?

Der Philosoph Hans Blumenberg war der Meinung, Kultur sei Arbeit am Mythos. Es ist eine Herkulesarbeit, wir müssen die Bilder der Mythen in Begriffe umwandeln und aus dem Halbdämmer ins grelle Licht des Bewusstseins heben. Als poetisch denkender Mensch möchte ich hinzufügen: ohne dabei die Poesie dieser Bilder zu beschädigen oder gar auszulöschen. Das wiederum ist eine Sisyphosarbeit. Am Ende werden wir wissen, dass ohne Analyse und Abstraktion Denken nicht möglich ist, dass aber ohne die Bilder und die Geschichten das Denken ohne Wert ist, weil es uns nicht berührt und nicht betrifft.

Hast du einen persönlichen Bezug zu Tirol bzw. zu Innsbruck, abgesehen von deiner Freundschaft mit unserer steinernen Frau Hitt?

In Lans oberhalb von Innsbruck spielt ein erheblicher Teil meines Romans „Abendland“. Ich habe mir die Gegend erwandert. Außerdem hat Innsbruck ein Puff. Als Jugendlicher habe ich mich nicht getraut einzutreten, später hatte ich kein Interesse mehr. Ein bisschen von dem jugendlichen Kitzel hat Innsbruck für mich behalten, etwas Sündiges.

Du bist ein großer Freund der Bücher, in einem umfassenden Sinn – deine Leidenschaft gilt ja nicht nur der Literatur selber, sondern auch ihrem Gewand. Was bedeutet das für deinen Bücherkasten?

Bücherkasten? Was ist das für ein Wort? Gibt es dieses Wort? Ich kenne nur Bücherschrank. Wir würden viele Bücherschränke benötigen, um unsere Bibliothek unterzubringen. Monika, meine Frau, liebt Bücher nicht weniger als ich. Wir haben ein gut isoliertes Haus, jede Wand ist mit Lesestoff ausgepolstert. Wenn wir abstürzen, werden wir aufgefangen.

Du hast ja einen ganz besonderen Zugang zu Buchhandlungen, wie man immer wieder in Artikeln und Kolumnen lesen kann. Wie lässt sich das Gefühl beschreiben, das einen beim Betreten einer traditionsreichen Buchhandlung befällt? Selig und verloren zugleich?

Ich fühle mich nie verloren unter Büchern. Sie stehen mir bei. Und sie stehen mir zu. Manchen Büchern sehe ich an, dass sie auf mich warten. Die muss ich dann kaufen. Auch wenn ich nicht gleich dazu komme, sie zu lesen. In einem Buch stellt mir ein Mensch sein Bewusstsein zur Verfügung, seine Visionen, Bedrängungen, Lösungen, Fragen.

Dein „Lied von den Riesen“ geht ins Ohr wie ein gutes Stück Musik. Gemeinsam mit Reinhold Bilgeri bist du viele Jahre auch als Musiker aufgetreten – gibt es noch Gelegenheiten, dich mit der Gitarre auf der Bühne zu sehen?

Dreimal im Jahr. Da spielt ein Dutzend Vorarlberger Rockmusiker für die Krebshilfe. Sonst sitze ich in unserem Stiegenhaus auf einer Stufe und spiele zu meiner und hoffentlich auch zu Monikas Freude. Und manchmal zusammen mit Oliver, unserem ältesten Sohn, dem Bruder von Lorenz, dem Maler, der die Zeichnungen zum „Lied von den Riesen“ gemacht hat.

Bist du dem Stoff für dein nächstes Werk schon begegnet? Und verrätst uns vielleicht etwas darüber?

Der Stoff meines Buches? Das macht mich verlegen. Ich weiß nie, was für einen Stoff meine Bücher haben. Den Personen bin ich begegnet, ja. Mich interessieren nur die Personen. Sie bringen die Handlung mit, und am Ende kann man vielleicht sagen, was der Stoff war. Ein anderer soll das In seinem meinetwegen sagen, ich nicht.

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Michael Köhlmeier

Michael Köhlmeier, geboren 1949 in Hard am Bodensee, lebt als freier Schriftsteller in Hohenems/Vorarlberg und Wien. Zahlreiche Veröffentlichungen, sehr erfolgreich als Erzähler antiker und heimischer Sagenstoffe und biblischer Geschichten. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. Rauriser Literaturpreis (1983), Manès-Sperber-Preis (1995) und Anton-Wildgans-Preis (1996). Zuletzt erschienen u.a. die Romane „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ (2013) und „Zwei Herren am Strand“ (2014). Bei Haymon: „Sunrise“. Erzählung (1994, HAYMONtb 2010), „Die Leute von Lech“ (mit Fotos von Konrad R. Müller, 1994), „Trilogie der sexuellen Abhängigkeit“ (HAYMONtb 2008), „Drei Depeschen gegen den Krieg“ (2014) sowie zuletzt „Das Lied von den Riesen“. Mit Zeichnungen von Lorenz Helfer (2015).