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Michael Krüger: Picasso, Marcuse, Lettau und ich

In der Literaturwelt gilt Michael Krüger nicht nur als einer der bedeutendsten und charismatischsten Verleger unserer Zeit. Nein, er ist auch vielfach preisgekrönter und erfolgreicher Autor und ein außergewöhnlicher Erzähler. In seinen neuen Erzählungen, die diesen Sommer unter dem Titel „Der Gott hinter dem Fenster“ bei Haymon erschienen sind, lässt er unter anderem tief in die Seele des Literaturbetriebs blicken.

Dass er neben der Literatur auch den anderen schönen Künsten zugetan ist, zeigt er in einem Gespräch im neuen Quart Heft für Kultur, das am 14.12.2015 erscheint.

Hier eine kleine Episode daraus vorab:

Picasso, Marcuse, Lettau und ich

„Einmal wäre ich Picasso fast begegnet, ein Kapitel, das zu den Fast-Begegnungen gehört, die ja im Leben oft entscheidender sind als die wirklichen Begegnungen.

Wir waren auf Urlaub in Südfrankreich, Herbert Marcuse, Reinhard Lettau und ich. In der Zeitung Nice Matin gab’s eine Rubrik, wer an Prominenz gerade eingetroffen war. Da wurde mitgeteilt, dass eben der Philosoph Marcuse angekommen sei, in Cabris, einem kleinen Dorf oberhalb von Grasse. Wir wurden natürlich nicht erwähnt, da uns keiner kannte.

Jedenfalls las Picasso offensichtlich diese Kolumne und hat ein Telegramm geschickt an Marcuse, wir möchten ihn doch bitte in Vallauris besuchen. Und der große Philosoph Marcuse – damals so berühmt, wie man es sich heute gar nicht mehr vorstellen kann, Spiegel-Titel, auf der ganzen Welt gelesen, der gefragteste Redner und Diskutant – war so voller Scham, Picasso zu besuchen. Mit meinen theoretischen Büchern kann ich doch nicht einem großen Künstler wie Picasso gegenübertreten, war seine Meinung. Und wir, Lettau und ich, haben mit ihm zwei Tage lang darüber diskutiert, was wertvoller ist – in jenem historischen Moment, das muss man vor allem bedenken, denn zu dieser Zeit war Marcuse für sehr viele Menschen eben wichtiger als ein Maler, der konnte noch so berühmt sein. Damals dachte man, Marcuse bringt die Zeit auf den Punkt, den Weltgeist, er bringt den Weltgeist zu sich selber in seiner Theorie.

Eine Zeichnung von Picasso hingegen ist die tausendste Zeichnung einer erotischen Obsession. Aber Marcuse war genau gegenteiliger Ansicht und sagte: Alles, was ich gemacht habe, ist ja doch nur eine Fußnote zu den Zeichnungen und Bildern von Picasso. Nach zwei Tagen angestrengter theoretischer, ästhetischer Diskussion wurde Picasso ein Telegramm geschickt.“

… warum die werten Herren ihre Erörterung doch nicht mit dem Meister höchstpersönlich zu Ende führen konnten, können Sie in der neuen Ausgabe des Quart nachlesen!


 

Michael Krüger

Foto- © Michael Hassiepen

Foto: © Michael Hassiepen

Michael Krüger, geboren 1943 in Wittgendorf/Sachsen-Anhalt, lebt in München und ist zurzeit Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er war viele Jahre Verlagsleiter der Carl Hanser Literaturverlage und Herausgeber der „Akzente“ sowie der „Edition Akzente“. Er ist Mitglied verschiedener Akademien und Autor mehrerer Gedichtbände, Geschichten, Novellen, Romane und Übersetzungen. Für sein schriftstellerisches Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Peter-Huchel-Preis (1986), den Mörike-Preis (2006) und den Joseph-Breitbach-Preis (2010). Bei Haymon erschien sein erster Erzählband „Der Gott hinter dem Fenster“ (2015). Im Frühjahr 2016 erscheint sein Roman „Himmelfarb“ bei HAYMONtb, versehen mit einem aktuellen Nachwort des Autors.