Der neue Roman von Michael Krüger ist da!

„Menschen ohne Enthusiasmus sind mir immer suspekt gewesen“

Verlegerlegende Michael Krüger hat einen neuen Roman geschrieben – und gewissermaßen auch ein Plädoyer für den Müßiggang.

 

Von der Schwierigkeit, die eine Identität zu finden

In „Das Irrenhaus“ erbt ein Mann unverhofft ein Münchner Mietshaus in bester Lage. Sein Lebensunterhalt scheint gesichert: Unter falschem Namen zieht er in eine der Wohnungen – mit dem Vorsatz, von nun an dem Müßiggang zu frönen. Die Hauptfigur, zuvor Archivar, schlüpft schließlich in die Identität seines Vormieters. Dieser ist Autor und hat überall Spuren hinterlassen.

Krüger spielt hier mit der heutigen Pluralität der Möglichkeiten, vor der jeder Einzelne steht – und mit dem Drängen auf das Entscheiden für eine davon. „Unsere ganze Erziehung läuft darauf hinaus, dass wir eine Identität ausbilden, erkennbar werden. Nicht viele Identitäten, sondern eine“, so Krüger. Ob das gut oder schlecht ist, lässt er dahingestellt. „Auf jeden Fall aber spielen wir alle mit der Möglichkeit, einmal eine ganz andere Identität anzunehmen. Ein Räuber sein! Eine Filmschauspielerin! Ein Politiker! Einmal Geld haben! Und so weiter. Aber wie macht man das, wenn man sein Leben lang konditioniert wurde, eben eine Marke zu werden? Das ist offenbar sehr schwierig. Deshalb sind wir ja auch so verwundert, wenn sich einer plötzlich etwas herausnimmt und agiert, als sei er ein anderer – also zum Beispiel jemanden umbringt. Dann heißt es, er war doch aber immer so ein netter Kerl, so lieb zu den Kindern und zum Hund.“

 

Vergnügen durch die Seitentür

Eine vielschichtige Geschichte ist es, die Krüger erzählt, eine Pluralität der Möglichkeiten, sie zu lesen, eröffnet auch sie. Bestechen tut sie unter anderem durch den charmanten, augenzwinkernden Ton, der die Lektüre so vergnüglich macht.

Stets ist dieser aber subtil, denn Klamauk ist Krügers Sache nicht. „Ich weiß nicht, ob ich ein humorvoller Mensch bin. Jedenfalls gehen mir humorvolle Menschen meistens auf die Nerven. Am schlimmsten sind Witzeerzähler und die immer gutgelaunten Menschen, die sich durch nichts auf der Welt ihren gesunden Menschenverstand nehmen oder ausreden lassen. Grauenhaft!“ So sind es denn auch etwa die skurrilen Nachbarn, die dem ganzen nicht durch die Hinter-, sondern durch die Seitentür eine dezente Komik verleihen.

 

Das Irrenhaus – der neue Roman von Michael Krüger.

Wider die Schaumschläger

Wie alle Texte Krügers überzeugt auch sein neuer Roman durch einen ihm eigenen Enthusiasmus, der aus den Zeilen atmet, eine Leichtigkeit, die einen sofort einnimmt. Doch: „Leicht ist schwer. Ich bin ja zu einem Teil aus einer Landwirtsfamilie, das waren alles schwere Grübler, die nichts auf die leichte Schulter nahmen. Nicht Reitpferde, sondern Ackergäule. Der Enthusiasmus gehört allerdings zu mir. Menschen ohne Enthusiasmus sind mir immer suspekt gewesen.“

Zahlreiche Anspielungen – etwa, wie sich die Hauptfigur nach und nach das Gebahren eines „echten Autors“ aneignet – zeugen von Krügers langjähriger Erfahrung mit illustren Gestalten der Kunst- und Kulturszene und davon, dass er mit offenen Augen nicht nur durch die literarische, sondern auch durch die reale Welt geht (an dieser Stelle sei verraten, dass Krügers Imitationen anderer Schriftsteller begnadet sein sollen). Doch ist es ausschließlich ein liebevoller Blick, den Krüger in seinem neuen Roman auf den Literaturbetrieb wirft? Nein, sagt er, er schaue nicht nur liebevoll darauf, denn der Literaturbetrieb sei mittlerweile mehr Betrieb als Literatur. „Ich liebe die Enthusiasten in unserem Beruf, denen es auf die Sache ankommt, und weniger die Schneebesen, die viel Schaum schlagen.“

 

Enthusiasmus während langer Weile ist Programm

Enthusiasmus zeigt Krügers Protagonist wenig, Müßiggang ist es, der dem Archivar vorschwebt, nun, da er für seinen Lebensunterhalt nicht mehr arbeiten zu müssen glaubt – aber gerade dieser will sich nicht einstellen. „Es gibt einen Satz des Philosophen Odo Marquard, den ich liebe: Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das immer etwas stattdessen tut. Das charakterisiert auch den sonderbaren Helden meines Buches: Er will nichts tun, zieht sich in die Anonymität zurück, will nachdenken und Musik hören, und am Ende hat er eine andere Identität angenommen.“

Und dennoch ist es gerade diese geplante Unproduktivität, die den Wandel möglich macht. „Die acedia“, sagt Krüger, „die Schwarzgalligkeit, war ja im späten Mittelalter und in der Renaissance ein wichtiges Betriebsmittel fürs Nachdenken. Aus ihr ist die lange Weile, das langsame Verströmen der Zeit entstanden. Man nimmt sich bewusst aus dem Strom der Aktivitäten heraus und überlässt sich der Melancholie. Die Moderne bekämpft mit allen Mitteln eine solche Haltung, ihr ist sie zuwider, weil sie unproduktiv ist im landläufigen Sinne. Aber genau das ist es doch, was wir an der Literatur so lieben!“

 

„Wenn jemand neidisch sein dürfte, dann ich“

„Wenn jemand neidisch sein dürfte, dann wäre ich das, und zwar auf alle jungen Autoren, die ihr Schreibleben noch vor sich haben und die hoffentlich ahnen, was sie zu tun haben.“ (c) Peter Hassiepen

Literatur muss also nicht, sie darf. Nach diesem Prinzip arbeitete der Verleger Michael Krüger ebenso, wie es der Autor Michael Krüger tut. Im Literaturbetrieb hat er sich damit Freunde gemacht, von vielen Seiten wird er in den höchsten Tönen gelobt.

Auf die Frage, ob es auch Neider gebe, antwortet er: „Wer soll auf einen fast 73-jährigen Menschen neidisch sein? Doch nur der, der sich nicht zu leben traut und der neidisch ist, dass mein Leben fast vorbei ist. Ich hatte gerade eine schwere Operation an der Halsschlagader, darauf sollte man auch nicht neidisch sein. Auch die staatlichen Rentenzahlungen sind nicht so üppig, dass man Neid entwickeln könnte. Mit anderen Worten: Wenn jemand neidisch sein dürfte, dann wäre ich das, und zwar auf alle jungen Autoren, die ihr Schreibleben noch vor sich haben und die hoffentlich ahnen, was sie zu tun haben. Gelobt dagegen werde ich gerne, am liebsten unter vier Augen.“

Und loben dürfen wir Michael Krügers hintersinnigen Roman an dieser Stelle, wenn auch nicht unter vier Augen: Eine große Empfehlung für dieses poetisch-schöne und zugleich wunderbar unterhaltsame Werk!