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Schreiben, wo der Puls der Zeit pocht: Das „Logbuch der Gegenwart“ von Aleš Šteger

Einmal im Jahr sucht sich Aleš Šteger einen Tag und einen Ort aus, setzt sich dort zwölf Stunden hin und fasst seine Eindrücke in Worte. Stets sind es Orte, an denen der Puls der Zeit besonders spürbar pocht, Orte, an denen er als Schriftsteller den Finger mitten in die Wunden unserer Gesellschaft legen kann. Das ist Literatur in Echtzeit – ungefiltert und einzigartig in ihrer Unmittelbarkeit.

Belgrad – 2. August 2015. Foto: Aleš Šteger

Belgrad, 2. August 2015. Foto: Aleš Šteger

„Die Regeln des ‚Spiels’, das ich mir da ausgedacht habe, sind einfach. Den Schreib-Ort vorher auszusuchen. Einen öffentlichen Raum, wenn möglich. Einen Ort, der eine lebhafte, aber unberechenbare Geschichte erzählt. Den Termin für das Schreiben im Voraus festzulegen. Wenn möglich, ein Datum zu wählen, das mit einer bestimmten Menge an Gedenk-Gepäck beladen ist. Die Schreibzeit, in welcher der Text geschrieben werden soll (oder auch nicht), auf nicht mehr als zwölf Stunden zu beschränken. Keine Bücher oder Zeitungen, keine Notizen, die man im Voraus vorbereitet, mitzunehmen, keine grundlegenden Bezugspunkte, keine Interaktion mit der Welt des Internets. Nur ein äußerlicher Inkubationsreiz, um zu schreiben, ein frei Haus geliefertes und fragiles Sicherheitsnetz des Flüchtigen und des Ausgesetzt-Seins. Nur der Glaube an die Zeit, an das Hier und Jetzt. Und an die Worte. Die Worte …“

 

Fukushima und Minamisōma – 16. Juni 2013. Foto: Aleš Šteger

Fukushima und Minamisōma – 16. Juni 2013. Foto: Aleš Šteger

Es sind seltene Momente der Wachheit, die aus ebendiesen Worten entstehen, eine besondere Art der Wachheit, spürbar auch in den Texten. Für den aktuellsten hat Šteger sich in Belgrad gegenüber der Busstation postiert – jener Busstation, die gleichzeitig die zentrale Stelle ist für syrische Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Ungarn.

Ein weiterer Text entstand nahe des Atomkraftwerks von Fukushima, und zwar in der Bibliothek, wo Familien jetzt ihre Freizeit verbringen, weil der Park kontaminiert ist.

Vor der Bibliothek in Minamisōma steht ein Messgerät, das die Strahlungswerte in der Luft zeigt. Keine Zeit, keine Temperaturanzeige, stattdessen Millisieverts. Diese Uhr ruft eine andere Welt auf als unsere. Selbst wenn die süßeste Musik von Chopin erklingt in dieser Bibliothek, es ist unmöglich, sich vom Gefühl, dass die Zeit hier anders gezählt wird, zu verabschieden, dass mit dem 11. März eine neue Zählung eingesetzt hat, eine Zählung nach der Zeit, als es die Zeit noch gab, das Zählen der Zeit in eine Zeit, die verschoben war, in der wir noch am Leben sind (aber nicht wissen, ob das morgen auch noch der Fall sein wird).

 

Šteger, „wichtigster slowenischer Schriftsteller seiner Generation“ (DIE WELT, Richard Kämmerlings), leiht uns seine Augen, und er öffnet die unseren für einen exakten und zugleich doch poetischen Blick auf die Welt. So entsteht ein eindringlicher und hochbrisanter literarischer Lokalaugenschein – berührend und aufrüttelnd.

„Es geht um eine doppelte Wachheit. Ein Wachsein in der Sprache. Und wach zu sein als Mensch, der ans Ende von etwas gelangt ist. Ans Ende der Geschichten, ans Ende der Zeit. Eine Idee, die durch Beobachtung und Abstand geboren wird.“

 

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Belgrad, 2. August 2015. Foto: Aleš Šteger

 

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Aleš Šteger: Logbuch der Gegenwart

Aus Štegers präzisen Beobachtungen ergibt sich wie aus Mosaiksteinchen ein Bild unserer Zeit, kongenial vervollständigt durch die zahlreichen Fotografien des Autors. Dieses Ausnahmeprojekt ist auf zwölf Jahre angelegt und erscheint bei Haymon in drei Bänden.

In „Logbuch der Gegenwart. Taumeln“ geht Aleš Šteger dorthin, wo die Wunden unserer Zeit klaffen: Nach Ljubljana, zum Platz der Republik, am Tag des prophezeiten Weltuntergangs; nach Minamisōma nahe dem Atomkraftwerk von Fukushima; nach Mexico City während einer Demonstration gegen den Umgang der Regierung mit dem Mord an 43 Studenten; nach Belgrad, Busstation, Zwischenstopp syrischer Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Ungarn – mit einem Blick durch seine Augen führt uns Šteger direkt in das Herz des Phänomens.