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Die Orte hinter den Worten – Brita Steinwendtner nimmt uns mit zu Alfred Komarek in die Kellergassen des Lebens

Für Brita Steinwendtners neues Buch „Der Welt entlang“ öffneten bekannte Autorinnen und Autoren der Gegenwart Tür und Tor – zu ihren Häusern, zu ihren Gedanken, zu ihren schöpferischen Orten. Auf besondere, höchst feinfühlige Weise verbindet Brita Steinwendner auf ihrer literarischen Spurensuche Literatur mit jenen Orten, an denen sie entsteht.

Als Vorgeschmack finden Sie hier Auszüge aus dem Beitrag zu Brita Steinwendtners Besuch bei Alfred Komarek – in die Welt der Kellergassen und des grünen Veltliners.

 

Brita Steinwendtner macht eine literarische Entdeckungsreise. Foto: Peter Ableidinger.

Brita Steinwendtner macht eine literarische Entdeckungsreise. Foto: Peter Ableidinger.

Hitze liegt über dem Land. Greift sich Himmel und Erde, Robinien, Rüben und Rebstock. Kein Laut, kein Vogel, kein Traktor, kein Mensch. Grün und braun und still ist das Land. Wege dazwischen, Wiesenraine. Hügel, sanft und weit und unbegrenzt, das Land ist ein geschmücktes Tablett für den Himmel. Man muss den Kopf nicht heben, um ihn zu sehen. Sonnenheißes Zittern. Hitze und weißblaues Licht. Schauen, bis alles Wünschen sich auflöst und man leer ist und dumm und niederfällt ins Gras, auf die trockene, harte Erde. Weinviertel im August. Komarek-Land und Revier seines Gendarmen Simon Polt, bekannt aus sechs Kriminalromanen, zwei Begleitbüchern und den langsam atmenden Filmen des Regisseurs Julian Pölsler mit dem unvergleichlichen Erwin Steinhauer als genuinem Polt.

Simon Polt spürte rauhe, rissige Rinde unter seiner Hand. „Wie alt wird so ein Nussbaum?“
„Weiß ich nicht genau.“ – Friedrich Kurzbacher schaute zum Blätterdach hinauf. Kaum ein Sonnenstrahl drang durch, aber der Schatten glühte in der Hitze, die seit Wochen über dem Land lag. „Fünfzig, sechzig Jahre, ein Menschenalter vielleicht. Den da hat mein Vater gepflanzt, als ich zur Welt gekommen bin […] Regen könnten wir brauchen. Wenn das so weiter geht, gibt’s eine Notreife.“
„Und das bedeutet?“
„Wässrige Beeren, dünne Weine.“
[…] Der Weinbauer ging auf die offene Preßhaustür zu, und Polt folgte ihm.
Nur im Sommer über war der Aufenthalt in den Preßhäusern wirklich angenehm. Im Herbst gab es jede Menge Arbeit hier, im Winter war es in den kleinen, weißgekalkten Gebäuden eiskalt, und die dicken Mauern hielten die Kälte auch noch im Frühjahr fest. Im Sommer aber blieb die Hitze draußen und drinnen war es fast so kühl wie in einer Kirche. Polt empfand auch jedesmal so etwas wie unheilige Andacht, wenn er ein Preßhaus betrat. 

 

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Das Weinviertel. Ort des Schaffens und der Inspiration für Alfred Komarek. Foto: Wolf Steinwendtner.

[…] Komarek ist ein exzellenter Beobachter, ein Psychologe der Extraklasse. Neben den Hauptakteuren des Dorflebens richtet er seine Aufmerksamkeit auf die Vielfalt der Gesellschaftsschichten: den bunten Haufen von Eigenbrötlern und schrägen Vögeln, die jungen Wilden mit ihrer Maschin’, die Gruftis und die Internetfreaks, die sich Gewaltvideos „reinziehen“ und dann auch danach handeln, die alten Nazis, die Schieber, Geldwäscher und Prostitutionsgewinnler des Landes an der Grenze. Die Angeber und Besserwisser aus der Großstadt und die Gestrandeten, die Zuflucht und ein neues Leben in der Abgeschiedenheit suchen. Die Neureichen, die sich ein Presshaus oder einen alten Herrensitz kaufen und mit den Dörflern nichts zu tun haben wollen. Mit scharfem Messer, wie die Weinbauern es für den Winterschnitt verwenden, schneidet er solche Charaktere, spart nicht mit Kritik, wirft die Oberg’scheiten und Rücksichtslosen in die Pfanne.

Ich sitze gerne im Wirtshaus und hör einfach zu, sagt Alfred, als wir an der schattigen Hauswand seines zweiten Presshauses in Hadres lehnen, das eine bäuerliche Schatz- und Wunderkammer beherbergt. Ich merke mir Sätze, Meinungen, Fälle, Nuancen der Sprachmelodie, die vieles verraten. Ich beobachte, welche Seilschaften es in der dörflichen Gemeinschaft gibt, welche Art von Humor, und hemmungslos werde ich, wenn Menschen tot sind, dann kann ich freier darüber schreiben. Bei einzelnen Sätzen bin ich ein lebendiges Gedächtnis, ich schreibe mir nichts auf, ich merke mir alles, auch die Gespräche am Stammtisch.

Spät nachts dann jene, die nicht aufhören wollten oder nicht aufhören konnten. Einer, der den anderen die Welt erklärte, einer, der sich mit den Weibern auskannte, aber wie, und einer, der wusste, wer schuld war: die Juden, die Tschechen, die Europäische Union, oder alle gemeinsam, längst auch schon verbündet mit den Kommunisten, den Freimaurern und den übrigen sattsam bekannten Weltverschwörern. Jedes Mal dieselbe Wichtigtuerei, die uralten Witze, der besoffene Tiefsinn. 

Der aktuelle Kriminalroman von Alfred Komarek: Alt, aber Polt.

Der aktuelle Kriminalroman von Alfred Komarek: Alt, aber Polt.

Das war im fünften Polt, in dem Komarek den Gendarmen in Pension schickt. Aber, sagt Alfred, nach fünf Jahren hat er sich von selbst zurückgemeldet, sich wieder eingenistet in meinem Kopf, hat gesagt: Hey, ich bin noch da, ich bin alt, was ist jetzt mir mir?, und ich hab ihm nachgegeben und weitergeschrieben, aber jetzt, nach dem sechsten Buch, nach Alt, aber Polt, soll Schluss sein, denn das Leben hat sich drastisch verändert, und der ganze Schwung, etwas verändern zu wollen, endet mit der Erfahrung der eigenen Ohnmacht. Das geht wohl vielen so. – Holunderzweige schützen uns an der Hauswand des Presshauses, das Holz riecht stark in der Sommerwärme, die Beeren reifen in ihr Schwarz. Ich hab diesen Polt fast ein ganzes Leben hindurch begleitet, wie die anderen Hauptfiguren auch, sagt Alfred. Bei mir ist das so: Ich hab eine Idee, aber ich bin chaotisch und lasse den Menschen ihr Eigenleben, hab dann oft Mühe, sie wieder so hinzukriegen, wie ich will – also dieser Polt hat sich entwickelt, hat Selbstbewusstsein gewonnen, er hat nichts mehr zu verlieren. Aber jetzt ist er siebzig, ist auf den Begräbnissen vieler Freunde hinter dem Sarg gegangen, die Dörfer verändern sich, einst waren sie eine eigene Welt, jetzt ist die Welt zum Dorf geworden, global und unpersönlich. Auch ich bin jetzt siebzig, da soll nichts weiter folgen, obwohl ich ein erotisches Verhältnis zu meiner Schreibmaschine habe. Das Schreiben zehrt aus, ich möchte mich jetzt einmal nicht mehr der Öffentlichkeit aussetzen. Ich bin ein störrischer Mensch, ich kann ziemlich radikal sein.

Du wirst nach Simon Polt und Daniel Käfer eine dritte Hauptperson erfinden, sage ich. Das glaub ich nicht, entgegnet Alfred, aber mal sehen. Ganz wichtig ist mir dennoch, dass meine Polt-Bücher authentisch sind und bleiben, dass sie das Wesentliche zeigen an den Menschen, der Landschaft und dem Geschehen hier. Ich möchte selbst begreifen, wo ich gelandet bin, wo ich hingerutscht bin, ohne dass es mir gehört. Es fehlen die klassischen Spannungselemente eines Kriminalromans, aber es muss eine Anteilnahme geben an jenen, über die und von denen ich erzähle. Es sind keine Figuren, es sind Menschen. Ein Hamburger Ehepaar hat sich ein Haus hier im Weinviertel gekauft, in dieser Landschaft und unter solchen Menschen würden sie gerne leben, haben sie gesagt. Und nach einer Lesung im Pulkautal hat ein Bauer gesagt: Ja, so ist das bei uns, aber was ist der Roman? […]

 

Kellergassen, Presshäuser und Weinkeller: Für die Touristen eine Attraktion, die allerdings mitunter einer Erklärung bedarf.

Die Kellergasse ist ein Dorf neben dem Dorf, in dem aber nur der Wein zu Hause ist. Die dicht gereihten, schlichten Preßhäuser, meist weiß gekalkt, haben ihren Namen von der Weinpresse. Unter jedem Preßhaus gibt es einen Weinkeller. Diese ausgedehnten Lagerräume grenzen dicht aneinander und sind zuweilen in zwei, drei Ebenen angeordnet: eine Unterwelt von beachtlichen – und verwirrenden Ausmaßen,

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Alfred Komarek unter seinem Preßhaus. Foto: Wolf Steinwendtner.

erklärt Alfred Komarek in einem der Gespräche mit Georg Hasibeder, die den Taschenbuchausgaben der ersten vier Polt-Romane angefügt sind. Er erklärt darin die historische Entwicklung seit Maria Theresia und die Entstehung aus der Not heraus, das kostbare Produkt Wein nahe des Ursprungs schnell bearbeiten und fachgerecht lagern zu können. „An den Terrassenkanten, an Abhängen, in Rinnen und Hohlwegen war es möglich, schon nach wenigen Metern tief unter die Oberfläche zu graben, die Kellergasse wurde zum gemeinsamen Bauprojekt eines Dorfes, stetig vorangetrieben in den stillen Wintermonaten.“ Oft stehen Hunderte Presshäuser dicht an dicht beisammen. Die Menschen, durch Kriege und Grenznähe immer gefährdet, waren aufeinander angewiesen, um bestehen zu können, sagt Alfred. Ein „Erfolgsmodell“, das es in dieser Dichte nur hier im Weinviertel gibt. Eine unterirdische Welt, die beispielsweise von Retz bis in das tschechische Znaim hinüberreicht und die W. und mich vor Jahren schon erstaunte, als wir bei Peter Turrini waren, der in einer weinseligen Nacht einen Hof samt Presshaus und Weinkeller kaufte und nun schon seit Jahren in Unterretzbach lebt.

Kein Mord geschieht in den Polt-Krimis ohne Kellergasse und Presshäuser. Die Keller sind ausschließlich Männerwelt, hier, tief unter der Erde, ist man den Toten und einander nahe, unverstellt, ehrlich und respektvoll. Mit Hingabe und größter Freude streift Simon Polt – und Alfred Komarek – durch die Presshäuser und Weinkeller der ganzen Umgebung, ist gern gesehener Gast vor allem in den Kellern seiner Freunde Friedrich Kurzbacher und Edi Höllenbauer oder ihrer realen Vorbilder.

Eine steile, aus Ziegelmauern geformte Treppe führte nach unten. Polt wußte, daß sie aus 42 Stufen bestand, und jede davon war anders geformt, mit runden Kanten, Buckeln und Gruben, entstanden im vertrauten Dialog mit den Schritten der Kellermänner. Viele Generationen von Höllenbauern waren diesen Stufen kellerwärts gefolgt und hatten sich eine geraume Zeit später von ihnen nach oben helfen lassen. Polt ärgerte sich jedes Mal darüber, wenn irgendwelche Fremde diese alten Stufen gedankenlos unter die Füße nahmen, ohne zu spüren, was sie zu erzählen hatten. 

[…] Längst sind wir zu Alfreds erstem Presshaus in Obritz gewandert, das er vor rund vierzig Jahren gekauft hat. […] Alfred sperrt die Türe auf. Kühle dringt heraus, im Inneren fällt schräges Licht auf Tisch, Bänke, allerlei Gerät und unebenen Lehmboden. […] – Ich hab das Presshaus von Kathi Strobl gekauft, sie war damals schon 85, war eine der ersten Emanzen des Weinviertels, hatte in der Zwischenkriegszeit ein Café in Haugsdorf, machte den Führerschein und fuhr nach 1945 mit einem Revolver nach Oberösterreich, um Pferde zu rekrutieren. „I vergiss scho olles“, sagte sie zu Alfred, „aber Ihna net.“ Im Frühjahr 2015 ist Alfred Komarek von den Bauern zum „Kellermann des Jahres“ gewählt worden. Lachend, aber doch ein wenig stolz darauf, zeigt er uns das holzgeschnitzte Konterfei seiner selbst, das er zu diesem Anlass geschenkt bekommen hat. Ich glaube, die meisten mögen mich. Schreiben ist für sie zwar keine richtige Arbeit, aber sie sehen, dass ich mich damit durchbringen kann, und das erkennen sie an. […]

Ist dir das schon aufgefallen? So ein Keller ist doch immer der gleiche. Doch mit der Stimmung, die du herunterbringst, ändert er sich. Einmal nimmt er dich freundlich auf, ein anderes Mal verführt er dich, oder will nichts von dir wissen und läßt dich allein. 

Wir steigen die ausgetretene Kellertreppe hinunter, Alfred leuchtet uns voran. Spärlich gibt es elektrisches Licht. Gehen einen langen, leicht abschüssigen Gang entlang. Seitenhöhlungen, Kavernen im Dunklen. An einer Abzweigung steht ein kleiner Tisch, zwei Sessel daneben. So weit reicht meine Gastlichkeit noch, sagt Alfred. Zwei Sessel – mehr sollen es nicht sein. Er öffnet eine Flasche „Weites Land. Gemischter Satz“ vom Himmelbauern und schenkt in die kleinen, mitgebrachten Gläser ein. Prost. Für mich ist das wie ein Sanatorium, sagt er, es hat etwas ungemein Beruhigendes. Sorgen sind mir dann so was von Nullkommajosef … Wien, die Porzellangasse, das ist ein anderer Planet. Wenn mir alles über den Kopf wächst, dann fahr ich heraus, wenigstens einen Nachmittag oder einen Abend. Das ist wie Urlaub. Ich verstehe und achte die Ordnung aus fast 300 Jahren, ich höre zu, welche Antworten sie mir gibt. Ich sitze oft eine Stunde da oder länger und gehe mit mir selbst spazieren. […]

 

Der Welt entlang zieht Brita Steinwendtner in ihren literarischen Betrachtungen.

Der Welt entlang zieht Brita Steinwendtner in ihren literarischen Betrachtungen.

Weitere Beiträge in Brita Steinwendtners Der Welt entlang. Vom Zauber der Dichterlandschaften“ zu:

*Friederike Mayröcker: Wien
* Juri Andruchowytsch: Galizien
* Marica Bodrožić: Berlin
* Karl-Markus Gauß: Salzburg
*Ludwig Hartinger und Aleš Šteger: Slowenischer Karst und Laibach
* Monika Helfer und Michael Köhlmeier: Hohenems und Bregenzerwald
* Hubert von Goisern: Salzkammergut
* Bodo Hell: Dachsteingebiet
* Alfred Komarek: Weinviertel
* Brigitte Kronauer: Hamburg
* Robert Menasse: Brüssel
* Adolf Muschg: Zürichsee
* Martin Pollack: Süd-Burgenland
* Ilma Rakusa: Grenzland des Bergell
* Jaroslav Rudiš: Prag
* Ilija Trojanow: Wien

 

Die Zitate (in dieser Reihenfolge) stammen aus:

1 Alfred Komarek, Himmel, Polt und Hölle
2 Alfred Komarek, Polt.
3 Alfred Komarek, Blumen für Polt
4 und 5 Alfred Komarek, Polt muss weinen