Kurkow (1)

Wenn nur noch Satire hilft: mit Andrej Kurkow Russland verstehen

Zwischen Stalin und „Tauwetter“, zwischen Terror und erstickten Hoffnungen auf Reformen: In der Nachkriegs-Sowjetunion wandert der junge Matrose Wassili Charitonow quer durch die Taiga Richtung Westen. Sein Ziel: Leningrad. In seiner Tasche führt er das Ende einer Bickford-Zündschnur, die an einen gestrandeten Kahn voller Dynamit im Japanischen Meer geknüpft ist. Mit einem Handgriff könnte er eine riesige Explosion auslösen und alles auf null setzen …

Von „geschlossenen Städten“ und „Musilags“

Auf seinem Weg Richtung Westen trifft Charitonow auf die Bewohner eines Landes im Ausnahmezustand: Da wären zum Beispiel die beiden Soldaten in der endlos weiten Menschenleere, die sich in einem ewigen Krieg und vom Feind umzingelt glauben und jedem Ankömmling mit größtem Misstrauen begegnen. Oder auch die Orchestermusiker, die wegen angeblich schief gespielter Töne in einem „Musilag“ gefangen gehalten werden; eine namenlose und auf Karten nicht auffindbare Stadt, in der ausschließlich Zwangsjacken hergestellt werden; ein Kriegsinvalide und ein ausgerissener Altgläubiger, die in den entlegensten Gebieten Sibiriens Radios verteilen, um den nicht vorhandenen Bewohnern von den Errungenschaften des Sozialismus zu künden; ein Gärtner, der sich um einen Zwangsarbeiterfriedhof kümmert, der sich so weit erstreckt, dass er nur durch tagelange Fußmärsche erfassbar ist …

Kurkows sympathischer und gutgläubiger Held Charitonow hat auf seiner Reise viel Zeit zum Nachdenken: Zwischen seinen Begegnungen liegen Tage und Wochen ohne Kontakt mit anderen Menschen und ohne von der Propagandamaschinerie beeinflusst zu werden. Die Tiefen und Abgründe der „sowjetischen Mentalität“ tun sich vor ihm auf, und er beginnt, zu zweifeln und das System zu durchschauen. Langsam keimt in ihm der Gedanke, ob er nicht einfach alles in die Luft sprengen sollte.

Herzlich willkommen in der Welt des Herrn Bickford!

Fantastisch mutet sie an, diese Welt: Surreal wirken ihre Bewohner, surreal wirken auch ihr Verhalten und ihr Leben. Doch Andrej Kurkow zeichnet ein weitaus realistischeres Bild des einstigen Riesenreiches, als es auf den ersten Blick erscheinen mag, denn die unzählbaren Opfer der Stalinschen „Säuberungen“, die politische Propaganda und die „geschlossenen Städte“ sind Fakten – und keine Fiktion. Unter den Eindrücken der verlorenen Perestrojka und der gescheiterten politischen und gesellschaftlichen Wende der 1990er, erhellt der ukrainische Bestsellerautor mit einem Blick durch die satirische Brille die „sowjetische Mentalität“, die noch heute die Geschicke Russlands lenkt.

Andrej Kurkow verortet seinen Roman im Dunstkreis der letzten Züge des Zweiten Weltkriegs und der „Tauwetterzeit“ unter Nikita Chruschtschow. Zwar entspricht das Russland von heute nicht der UdSSR von damals, dennoch zeigen sich bei näherem Hinsehen frappierende Parallelen zwischen Kurkows Roman und dem Russland des 21. Jahrhunderts: nur scheinbar hinter sich gelassene totalitäre Systeme, eine zur Stagnation gekommene Aufbruchsstimmung, nicht vollzogene Reformen, Unbeweglichkeit aufgrund starrer bürokratischer Apparate, das Gefühl von Gegnern und Feinden umzingelt zu sein, immer noch vorhandene ideologische Schranken und der Glaube an einen politischen „starken Mann“. – Ein ewiger Kreislauf, aus dem die Menschen sich selbst nicht befreien können? Kein Platz für Bewegung und Zweifel?

Der „sowjetischen Mentalität“ auf der Spur

Wer sind diese Menschen, die die Maschine am Laufen halten? Andrej Kurkows Figuren sind keine ideologische Schergen, gnadenlose Diktatoren oder böse Menschen. Sie sind vielmehr geprägt von Jahren der ideologischen Erziehung und Indoktrinierung. Seine Figuren sind „Sowjetmenschen“ – nicht besser oder schlechter als andere. Der Autor der Erfolgsromane „Picknick auf dem Eis“ und „Der Milchmann in der Nacht“ bildet eine Welt nach, die fantastischer wirken mag, als die Wirklichkeit, und dennoch erscheint uns die tatsächliche Lebensrealität durch die satirische Brille viel klarer, als es vermeintlich leicht verständliche Fakten tun. Ein brandaktuelles, erhellendes, und trotz seiner Ernsthaftigkeit unterhaltsames Buch, das hilft, das heutige Russland zu begreifen.

Begleiten Sie den jungen Matrosen auf seiner märchenhaft-melancholischen Reise und erkunden Sie mit ihm die „sowjetische Mentalität“. Wird Charitonow es bis nach Leningrad schaffen? Und wird der große Knall am Ende folgen?