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Das andere Geschlecht gibt Anlass zum Staunen

Auf herrlich vergnügliche Weise lotet Natalka Sniadanko Geschlechterverhältnisse aus und zwinkert uns schelmisch zu

 

Männer als Objekte weiblicher Studien

Olessja ist intelligent, selbstbewusst – und neugierig. Im Zentrum ihrer Beobachtungen steht von Beginn an die Leidenschaft, nein, stehen vielmehr die Leidenschaften. Im Laufe ihres Lebens hat sie eine beträchtliche Sammlung von ihnen angelegt, und an ihren Erkenntnissen zu den einzelnen Leidenschaften lässt sie den geneigten Leser resp. die geneigte Leserin nur allzu gerne teilhaben.

Die erste Leidenschaft ist – wie sollte es anders sein – die kindliche, wobei Olessja sogleich darüber aufklärt, „wann man damit anfangen sollte und worauf es nicht ankommt“. Die junge Ukrainerin verliebt sich ausgerechnet in einen langweiligen Bücherwurm namens Tolja, der sie zu ihrem großen Entsetzen zurückweist. Er kann nichts anfangen mit den poetischen Zettelchen, die Olessja ihm zusteckt. Nie wieder will sie sich von da an unglücklich verlieben, den Männern widmet sich die unabhängige Frau ab sofort ausschließlich mit Forschungsinteresse.

 

Olessja findet ihre Leidenschaften auf eigene Faust

Die nächste Leidenschaft gilt einem Jungen, der in einer Trash-Metal-Band spielt. In der postsowjetischen Ukraine der späten 80er Jahre sind westliche Einflüsse spürbar, nicht nur musikalisch, sondern auch gesellschaftlich. So stellt sich zum Beispiel die Frage nach der Crux des vorehelichen Geschlechtsverkehrs – Sünde oder notwendiger Versuch? Während die ältere Generation leidenschaftlich am Gebot der Keuschheit festhält, ist die neue von der eigenen Leidenschaft überrascht. Überrascht ist auch Olessja, als sie feststellt, dass das andere Geschlecht von ihrer Suche nach körperlicher Liebe manchmal durchaus überfordert ist.

Überrascht sind außerdem Olessjas Eltern, als Olessja nicht wie von ihnen geplant ein Informatik-Studium antritt, sondern sich lieber den Sprachen widmet. Denn eine ihrer großen Leidenschaften ist die Literatur, der sie viel Zeit und Muße widmet. Schließlich bietet sich – nach einem kurzen Zwischenspiel mit einem mausgrauen Mathematiker – die Möglichkeit eines Au-pair-Aufenthalts im fernen Freiburg im Breisgau.

Olessja setzt sich durch gegen die Bedenken ihrer Eltern: Obwohl kaum der deutschen Sprache mächtig, tritt sie, angezogen vom „magischen Klang des Namens Baden-Baden“, die Reise an. Bald schon kann sie Exemplare der männlichen Spezies beobachten, die aus anderen Kulturkreisen stammen, und so ihre Sammlung deutlich erweitern.

 

Gender-Gap und Culture-Clash – wozu im Manne Intellekt suchen?

Und spätestens hier beginnt ebenso munteres wie rasantes Jonglieren mit Kulturen, Geschlechtern und Nationalitäten, ein spielerisches Aufgreifen von Klischees und ein schmunzelndes Demontieren derselben.

Die deutsche Au-pair-Familie ist so, wie man sich eine deutsche Au-pair-Familie vorstellt. Freundlich, hilfsbereit, pünktlich, pedantisch mülltrennend und ein wenig starr in den eigenen Strukturen verhaftet. Doch Olessja fühlt sich höchst wohl in diesem Land, ergattert ein Studenten-Visum und bleibt in Freiburg, um fortan hier zu studieren.

Auf Wohnungssuche verschlägt es sie schließlich zu Berto, einem leidenschaftlichen Italiener, der an die eine wahre Liebe glaubt und sie gegen das Führen seines Haushaltes bei sich wohnen lässt. So kann Olessja ihrer Forschung alsbald ein mediterranes Forschungsobjekt hinzufügen.

Das Leben in Deutschland hält immer wieder spannende Erkenntnisse für Olessja bereit, etwa:

Andererseits – wozu im Manne Intellekt suchen?

Wenn Probleme mit dem Temperament oder der Potenz auftreten, muss man versuchen, die Situation irgendwie zu retten. Shakespeare zitieren, Mario Vargas Llosa oder, in besonders schweren Fällen, sogar Schewtschenko. Wenn aber alle primären und sekundären Geschlechtsmerkmale normal funktionieren, besteht im Prinzip keine Notwendigkeit, sich zu unterhalten.

Leidenschaften gesammelt von Natalka Sniadanko

Leidenschaften gesammelt von Natalka Sniadanko

 

Hermann und die Emanzipation

Und dann trifft sie Hermann, einen verschrobenen jungen Mann aus aristokratischem Hause, mit dem sie sich sogar besonders viel unterhält und den sie sogar mit zu ihren Eltern in die ukrainische Heimat nimmt. Hier, wo der Gender-Gap noch tiefer klafft als im fernen Deutschland, erlebt nun Hermann seinerseits einen Culture-Clash, als er versucht, den jungen Ukrainerinnen seine emanzipatorischen Vorstellungen nahezubringen und Olessjas Mutter kränkt, als er sich am Abwasch beteiligen möchte – „Hermann und die ukrainische Emanzipation. Zweiter – praktischer – Versuch“.

Doch der geneigte Leser resp. die geneigte Leserin darf unbesorgt sein, denn Natalka Sniadanko liefert eine durchaus selbstironische „Gebrauchsanweisung für eine echte Galizierin“ gleich mit.

Pointiert, subtil, komisch: Machen Sie, geneigter Leser oder geneigte Leserin, Natalka Sniadankos furiosen Roman zu ihrer höchst eigenen Leidenschaft.