Beitragsbilder (2)

„So wie ihn der Reiz des Fremden in der Gestalt dieser jungen Frau zu fesseln begann, war auch Baku ein Mysterium für ihn.“

 

Im Sommer 1917 meldet sich Hermann Opitz freiwillig zum Kriegsdienst. Er lässt sein altes Leben, sein Heimatdorf und seine Ehe hinter sich. Ein Jahr später strandet er in der mondänen orientalischen Metropole Baku und begegnet dort Jale, der Tochter eines Ölbarons.

All dies erzählt Hermann Opitz’ Enkelsohn, der sich auf eine Spurensuche in der Geschichte seiner Familie begeben hat. Er erkundet das Leben seiner Großeltern, die ihm wie die modernen Erben von Philemon und Baucis in Erinnerung sind, und beginnt zu ahnen, dass das private Glück untrennbar mit den Zeitläuften der Weltgeschichte verknüpft ist.

Hermann und Jale sind die erste von drei Generationen von Liebenden in diesem Roman, deren Geschichten auf rätselhafte Weise miteinander verwoben sind. An ihren Schicksalen und ihrem Zusammenhalt wird die Kraft der Liebe spürbar, die im Spannungsfeld zwischen Orient und Okzident unbeirrt von allen Schrecken des 20. Jahrhunderts wirkt.

 

Leseprobe

Einmal mehr begibt sich Walter Grond ins Spannungsfeld zwischen Orient und Okzident. Foto: Daniela Matejschek

Einmal mehr begibt sich Walter Grond ins Spannungsfeld zwischen Orient und Okzident. Foto: Daniela Matejschek

„Gerade zu der Zeit, als mein Großvater in ihrer Stadt ankam, hatte sie also oft Wie sie mein Auge füllte, so war ich voller Tränen vor sich hin gesungen, im Haus ihres Vaters, einer prächtigen Villa im besten Viertel von Baku. Ihre Vorahnung wollte es zwar, dass ihr ersehnter Prinz vor ihrem Fenster auftauche, traumwandelnd! Tatsächlich traf sie ihn aber in der Erlöserkirche, im Stadtzentrum, er fiel ihr auf, als er gerade eine Kerze anzündete.

Mein Großvater hatte um eine Kloster-Suppe bitten wollen. Die evangelische Kirche mit ihrem spitzen Turm war ihm katholischer erschienen als die orthodoxen Zwiebeltürme, die Kuppeln der Moscheen und die Tempelquader der Synagogen. Jale aber ging gern in die kircha der Deutschen, die für ihre muslimische Großmutter wie alles Russische von den teuflischen Christen kam.

Seine Augen waren schon trüb vor Erschöpfung, und in den ihren blitzte etwas Übermütiges auf. Sie fiel in die graugrünen Augen eines Mannes, der gerade, von ihrem Blick beseelt, in die Welt der Lebenden zurückkehrte. Er räusperte sich verlegen, sagte etwas Ungeschicktes, für sie aber hörte sich sein Deutsch wie die erwartete Botschaft an. Frech antwortete sie in der Sprache ihrer Gouvernante, das passiere Männern so, und fragte ihn dann, woher er denn komme.

So wie ihn der Reiz des Fremden in der Gestalt dieser jungen Frau zu fesseln begann, war auch Baku ein Mysterium für ihn. Ein Mysterium, das ihn anzog, in sich hineinriss, ihn durcheinanderwirbelte und ihn in ein rauschhaftes und ebenso verstörtes Staunen versetzte. Die Pracht des alten Bakú, das sich bei seiner Ankunft zwar schon in vorrevolutionärer Auflösung befand, aber noch den Eindruck der geschäftigen, mondänen wie auch rätselhaft islamischen Stadt in ihm hinterließ.

Sie war die Frau, die ihn rettete, und war zugleich die Stadt, die ihm so märchenhaft erschien. Sie war beides, die Frau und die Stadt, und beides machte den geheimnisvollen Ort aus, der ihn in die verschlungenen Gassen mit den Teeläden und Händlerkarren lockte, wo hinter den Häuserfassaden und oben auf den Dächern ein verborgenes, aber ebenso reiches und geschäftiges Leben herrschte. Unauffindbar, allgegenwärtig. Meine Großmutter Jale hatte schon lange von ihrem Prinz, doch eigentlich Retter, geträumt. Ihr Großvater war ein Bauer gewesen und hatte, durch das Öl auf seinen Feldern reich geworden, seinen Jugendstilpalast unweit der Villa Petrolea der Brüder Nobel errichten lassen. Die Leute sprachen ihn als Aga an, wie es jedem guten Muslimen zusteht, und doch hatte er sich, wie es einem Ölbaron entsprach, einen russischen Namen, Abd Rasur Jabrail Hasanow, zugelegt.

Mutiger und unternehmungsfreudiger als seine Nachbarn hatte er seine Kühe verkauft und ein Stück Land an der Küste erworben, um den harten Boden mit Baumwolle zu bepflanzen und geduldig auf sein Glück zu warten. Es war nicht Schicksal, sondern weise Voraussicht gewesen, die Allah belohnte und also eines Morgens zwischen den Pflanzen schwarze Fontänen aus seinem Boden quellen ließ, die ihn zu einem reichen Mann machten. Unbestritten war er auch geizig, zwar darauf stolz, in den Häusern der Europäer zu verkehren, in seinem Herzen aber war er ein misstrauischer Bauer geblieben, zugleich den Lockungen der Christen gegenüber aufgeschlossen und doch ein gehorsamer Sohn seiner schiitischen Mutter. So aufbrausend, streitsüchtig wie auch gelassen demütig, da er es mit stoischer Ruhe ertrug, alle zwei Jahre von Straßenbanden verschleppt und gegen Lösegeld wieder freigelassen zu werden. Denn die Entführer fühlten sich nicht nur durch den Koran zu ihrer Erpressung berechtigt, sondern genossen hohes Ansehen unter den Armen.

Als die zwei Seiten derselben Medaille betrachtete er es also, dass die Entführer die Armen großzügig an ihrer Beute beteiligten und ihn, den Verschleppten, nach Begleichung der Lösegeldforderung geradezu gemästet ihrer Familie zurückerstatteten – am Ende also alle zufrieden aus diesem Handel hervorgingen.

Ihr Vater schwärmte von Europa. Zwar hätte er niemals seiner Mutter widersprochen, ging aber über ihre strengen Ansichten hinweg. Daher war sie, seine Lieblingstochter, nicht an einen alten Patriarchen verheiratet worden. Bald dreiundzwanzig Jahre alt, schlug sie immer noch die Zeit mit ihren Studien der Musik und der Sprachen tot.

Einen großen Einfluss übte Umn el-Banu auf sie aus, ein Mädchen aus dem Geschlecht Asadullah. Von ihr hatte sie die spitze Zunge über das ostwestliche Tollhaus, in dem sie lebten. Umn el-Banu, mit der sie gern schwimmen ging, war eine charmante Wortführerin und provozierte mit ihrer französischen Orientierung.

Meine Großmutter Jale erzählte ihrem Vater nach jedem Besuch, bei den Asadullahs – der Familie eines der reichsten muslimischen Ölbarone Bakus – wehe ein Pariser Flair, seitdem Umn el-Banus Vater eine frankophile Türkin geheiratet habe. Jales Vater, Witwer wie Herr Asadullah, wies dann zwar auf den guten deutschen Einfluss in seinem eigenen Haus hin, ließ aber doch jedes Mal etwas Französisches heranschaffen.

Seit den Tagen der Hidschra, da der Prophet Mohammed mit seinen Getreuen aus Mekka geflohen war, thronte hingegen Jales Großmutter auf einem alten Stuhl, der als besonders robust galt, und kontrollierte jede menschliche Regung auf ihre Korantauglichkeit.

Ihr Gemach lag gleich am Eingang des Hauses, daher gab es kein unbemerktes Vorbeikommen an ihr. Die Tür zu ihrem Zimmer stand Tag und Nacht offen, und auch von ihrem Bett aus konnte sie überblicken, wer das Anwesen betrat und wer es verließ. Ihr mächtiger Leib flößte Respekt ein, ja ihre ungewöhnliche Korpulenz verlieh ihr Würde. Sie verlangte von allen, ihr penibel zu berichten, was man den Tag über getrieben und was man vorhatte zu tun. Die meiste Zeit kommandierte sie die Dienstboten herum, die restliche Zeit ihre Kinder und Enkelkinder, und nicht zu vergessen, sämtliche Frauen der Verwandtschaft, vor allem die Nebenfrauen ihrer Brüder, Söhne, Cousins und Neffen. Alles, was sie von sich gab, war grob, und sie fluchte ständig.

Meine Großmutter Jale hingegen muss von ungewöhnlicher und bedrohlicher Schönheit gewesen sein. Ihre grazile Erscheinung und ihre besondere Ausstrahlung sind auf den Fotos jener Zeit zu erahnen, und sie sah jedenfalls anders aus als ihre Schwestern. Ihr Körper war hochgewachsen, nicht klein und gedrungen. Ihre langen Glieder wie auch ihr schlanker Hals, die hohe Stirn, der fein geschwungene Nasenrücken, die schmalen und etwas abgeflachten Backen und ihre großen Augen und Lippen passten so gar nicht in das Bild eines aserbaidschanischen Mädchens.

Als sie, gerade elf geworden, das Gesetz der Reinlichkeit auf sich aufmerksam machte und seitdem im Hamam nicht nur gewaschen, sondern am ganzen Körper enthaart wurde, offenbarte sich an ihr, was ohnehin ihre Großmutter seit ihrer Geburt vermutet hatte, an jedem vierzigsten Tag. Zwar ein Kind eines frommen Muslimen der Zwölfer-Schia, die Azarica sprach, Piti und Dolma und Pilaw aß und Schärbät aus Milch und Minze trank, war nämlich etwas falsch und sündig an ihr.

Dabei empfand sie genauso wie jedes gute aserbaidschanische Kind große Lust auf den armenischen Massenmord. Dieses Spiel war das Feiertagsvergnügen im Elternhaus ihrer Freundin Umn el-Banu. Ein Nachbarsmädchen aus armenischem Haus, das im Garten geduldet wurde, hielt dafür her, nicht nur einfach hingerichtet, sondern wieder und wieder geköpft oder aber zuerst gefesselt zu werden, damit ihr die Glieder abgehackt, die Zunge herausgeschnitten, das Herz und die Gedärme herausgerissen, sie von den Jungen geschändet und von den Mädchen besudelt werden konnte. Ja nichts war Jale selbstverständlicher, als dass jenes armenische Mädchen schwieg, kein Wort gegen das Morden erhob oder gar Erwachsenen davon erzählte. Regelmäßig getötet und entehrt zu werden, konnte schließlich nicht schlimmer sein, als allein und einsam und ohne die Gesellschaft anderer Kinder aufwachsen zu müssen.

Nun aber, seitdem sie unrein geworden war, eiferten die Tanten im Dampfbad über ihre sogar zwischen den Beinen sündige Haut, die samtig und auch ohne ihre schmerzhafte Behandlung beinahe glatt war, und auf der das Henna, mit dem man ihren Körper bis in den letzten Winkel färbte, bronzefarben glänzte.

Bei all ihrer Lust an Indiskretionen, mit der sie das Waschen, Enthaaren und wortreiche Einfädeln neuer Ehen im Dampfbad zu schildern pflegte, äußerte sich meine Großmutter Jale nur widerstrebend zum Gerücht, sie sei das Produkt einer Affäre ihres Vaters mit einer Frau aus dem Jemen. Sie wollte nichts dazu sagen und hatte doch selbst das Gerücht gestreut, im Haman sei ihre Herkunft verflucht worden.
Vielleicht hatte es sie gekränkt und ebenso stolz gemacht, eine Fremde zu sein, und vielleicht hatte sie selbst ein Geheimnis daraus gemacht, weil das Ungewisse sie noch außergewöhnlicher machte. Ihr Vater bestand darauf, sie müsse eine europäische Erziehung erfahren, und sie selbst zelebrierte schließlich den Gedanken, eines Tages von einem europäischen Prinzen erlöst zu werden. In ihren Träumen ließ sich das Beste von allem miteinander verbinden.

Walter Grond: Drei Lieben

Walter Grond: Drei Lieben

Um ihren Traummann nach Baku zu locken, zündete sie jeden zweiten Tag eine Kerze an, und es gab keinen besseren Ort für das Feuer, das sie in ihm entfachen würde, als die Erlöserkirche, in der es still und andächtig zuging. Hier empfand sie das Brennen in ihrem Körper als die Sehnsucht einer sinnlichen Göttin.
Und so, eines Tages, während die Russische Revolution näher rückte und die ersten Ölbarone nach Westen aufzubrechen begannen, stand mein Großvater vor ihr, und sie fiel in seine Augen so wie er in die ihren. Ein Mann in Lumpen, mit Beulen und Krusten im Gesicht, bis auf die Knochen abgemagert, mit tiefen Rändern um die Augen und etwas Trübem im Blick. Viel älter als sie und wie aus dem Grab entstiegen. Ihre Träume aber hatten ihn zu ihrem Prinzen erkoren. Nichts konnte sie von dieser Idee abbringen.

Flüchteten ihre Nachbarn aus Baku, hatte dieser Herr aus Europa allen Reichtum hinter sich gelassen und jede Mühe auf sich genommen, um sich bis zu ihr vorzukämpfen. Ja er hatte sich, von Banditen beraubt, mit letzter Kraft nach Baku geschleppt, durch nichts von seinem Wunsch abbringen lassen, in ihre Arme zu sinken und ihr König zu sein. Er würde sie erlösen, und nur sie konnte ihn aus seiner Not, in die er ihretwegen geraten war, retten.“

 

Begeben Sie sich mit Walter Grond auf eine literarische Reise von der mondänen orientalischen Metropole Baku über das Paris der 1920er ins Wien der Gegenwart – hier geht’s zum Buch!