Quelle- Originalfoto Archiv Barbara Coudenhove

Zwischen altem Glanz und neuer Welt – auf den Spuren der Coudenhove-Kalergis

Der Ort strahlt eine ganz besondere Atmosphäre aus: Beim Besuch der Ruine von Schloss Ronsperg beginnt für Bernhard Setzwein die Faszination. Hier residierte bis vor 60 Jahren der Reichsgraf von Coudenhove-Kalergi und in einem eindrücklichen Ausmaß verdichtet sich an diesem Ort die Geschichte einer ganzen Epoche. An der Schwelle vom alten zum neuen Europa weht hier ein bemerkenswert kosmopolitischer Geist, das einzigartige Schicksal der Familie Coudenhove-Kalergi zieht in seinen Bann. In ihm treffen Flugpionierinnen auf die Gründer der Paneuropa-Bewegung, die glamouröse Ära der Jahrhundertwende-Aristokratie trifft auf die neuen Zeiten von Technik und Fortschritt.

Für seinen neuen Roman „Der böhmische Samurai“ hat sich Bernhard Setzwein auf Spurensuche begeben:

setzwein1

Schloss Ronsperg

Diesmal war es anders als bei meinem Nietzsche-Roman „Nicht kalt genug“, den ich im Oberengadiner Sils-Maria spielen ließ, ohne jemals dort gewesen zu sein. Die Schauplätze des „Böhmischen Samurai“ dagegen habe ich oft besucht, das erste Mal kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, Anfang der 1990er Jahre. Ich umschlich die Ruine des Schlosses in Ronsperg, konnte später auch das Innere des Gebäudes begutachten. Die Magie des Ortes nahm mich gefangen. Er lag in einem Gebiet, wie man es sich abgeschnittener nicht vorstellen kann: im ehemaligen Grenzsperrbezirk der kommunistischen Tschechoslowakei. Gleichzeitig aber bildete er das Gravitationszentrum einer unglaublichen Geschichte.

Irgendwann Mitte der 1990er Jahre tauchte an der Toranlage zum Schloss eine Tafel auf, die kund gab, was kaum mehr jemand wusste, dass nämlich just an diesem Ort Richard Coudenhove-Kalergi aufgewachsen war, Begründer der Paneuropa-Bewegung.

Was wusste ich von der? Dass lange Zeit Otto von Habsburg ihr vorgestanden war als Präsident und dass ihr „Europäisches Frühstück“ an der ungarisch-burgenländischen Grenze im Sommer 1989 den ersten Durchschlupf im Eisernen Vorhang möglich gemacht hatte, die Initial­zündung zum Zusammenbruch des gesamten Ostblocks. Und das alles hatte hier, an diesem gottverlassenen Ort, seinen Ausgang genommen? Ich war fasziniert.

Ich besorgte mir die Lebenserinnerungen Richard Coudenhoves, „Ein Leben für Europa“. Es tat sich eine Familiengeschichte auf, die war so exemplarisch für das 20. Jahrhundert wie nur eine, gleichzeitig aber auch exotisch und außergewöhnlich. Der Erfinder des europäischen Gedankens entpuppte sich als Halbjapaner, Richards Vater Heinrich war ein Habsburger Diplomat gewesen, die Mutter Mitsuko Tochter eines Tokioter Antiquitätenhändlers mit Wurzeln, die zurückreichten bis zu fernen Samurai-Geschlechtern. 1896 waren sie aus Japan in den Böhmerwald gezogen, das Auftauchen einer Japanerin mit ihren zwei Söhnen und Kindermädchen, gekleidet in Kimonos, muss eine Sensation gewesen sein in dem an der bayerisch-böhmischen Grenze gelegenen Bauernstädtchen.

Richards älterer Bruder hieß Johann Evangelist Virgilio. Als „Graf Hansi“ war er nach dem Krieg in Regensburg ein stadtbekanntes Original. Nach grausamen Monaten in einem Internierungslager hatten ihn die Tschechen nach Kriegsende außer Landes gejagt. Ich suchte nach Zeitzeugen, die mir noch etwas erzählten konnte von diesem seltsamen Paradiesvogel. Und ich hörte, dass niemand damals in Regensburg, Mitte der 1950er Jahre, die leiseste Ahnung davon hatte, was für ein Leben hinter diesem Mann lag.

Steinschneider_Lilly-001

Flugpionierin Lilly Steinschneider

Eines, das wie gemacht schien für einen Roman. Ich begann nach allen Richtungen hin zu forschen und zu recherchieren. Erfuhr von dem kleinen tschechischen Buchverlag in Domažlice und besuchte den Verleger Zdeněk Procházka. Er hatte das Tagebuch der Mitsuko Coudenhove-Kalergi verlegt, in einer deutsch-tschechischen Ausgabe. Aus ihm erfuhr ich viel über das Leben im Ronsperger Schloss. Graf Hansi, der nach dem frühen Tod seines Vaters, der neue und gleichzeitig letzte Schlossherr wurde, lebte hier seine exzentrische, künstlerische Natur aus. Er lud einen Maler ein, der jahrelang im Schloss wohnte, ließ einen überlebensgroßen Kachelofen bauen, der niemand anderen darstellte als ihn selber. Und vor allem: Er brachte seine Ehefrau hierher, die er in Wien kennengelernt hatte, Lilly Steinschneider, eine Jüdin aus Budapest. Sie war die zweite Frau im Habsburgerreich, die einen Pilotenschein machte, eine frühe Pionierin der die Zeit kurz nach 1900 wie ein Fieber erfassenden Aviatik. Wochenlang las ich nur mehr Bücher über die Frühphase der Luftfahrtgeschichte.

Bernhard Setzwein: Der böhmische Samurai

Bernhard Setzwein: Der böhmische Samurai

Ich lernte Barbara Coudenhove kennen und fuhr mit ihr nach Ronsperg. Sie war begeistert von den jungen Leuten dort, allen voran Jana Podsklaská, die versuchen, den Verfall des Schlossen aufzuhalten, es womöglich zu einem europäischen Begegnungszentrum zu machen. Ronsperg, heute Poběžovice, taucht langsam aus der vollständigen Vergessenheit wieder auf, und es werden die Konturen einer Geschichte erkennbar, die beispielhaft für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts steht.

Bernhard Setzwein verwebt historische Fakten und Fiktion zu einer faszinierenden Geschichte über eine außergewöhnliche Familie. Lassen Sie sich mitreißen von der kosmopolitischen Atmosphäre, den revolutionären Ideen und den rauschenden Festen.

Tauchen Sie ein in die Welt des böhmischen Adels, in einer Zeit, in der die glamouröse Ära der Jahrhundertwende-Aristokratie auf die neuen Zeiten von Technik und Fortschritt treffen.