© Hannelore Bachmeier-Haller (1)

Kasers Bruneck: Ein literarischer Streifzug durch die Heimatstadt eines Ausnahmedichters

„Norbert C. Kaser hat noch postum die poetische Kraft, zu einem Stern erster Ordnung zu werden.“
DIE ZEIT

„Es ist höchste Zeit, Kasers widerborstige, zugleich poetische Texte neu zu lesen und im Gedächtnis zu behalten.“
SWR, Matthias Kußmann

 

Foto- Ilse Sommavilla

Herausgeber Joachim Gatterer im Gespräch. Foto: Ilse Somavilla

Am 19. April 2017 wäre Norbert C. Kaser 70 Jahre alt geworden, mehr denn je ist es an der Zeit sein Werk wiederzuentdecken. Anlässlich des Jubiläums erscheinen seine Texte erstmals als literarisches Porträt seiner Heimatstadt Bruneck.

Kommen Sie mit auf eine literarische Erkundungstour: Der Haymon Verlag im Gespräch mit dem Herausgeber Joachim Gatterer.

Norbert C. Kasers Texte sind vor Jahren  in einer Gesamtausgabe erschienen und es gibt mehrere Leseausgaben. Was unterscheidet „mein haßgeliebtes bruneck“ von diesen Kaserbänden? Was ist neu an dem Buch?

Ich denke in der Vergangenheit hat vor allem Kasers Biographie eine wesentliche Rolle gespielt. Der frühe Tod, die massive Ausgrenzung, die er erlebt hat – kurzum: Kasers Scheitern stand bewusst oder unbewusst im Mittelpunkt. Ich wollte mit diesem Buch ganz klar weg von der hinlänglich bekannten Biographie und statt dessen Kaser selbst eine andere Geschichte als seine eigene erzählen lassen. Die Geschehnisse in der Stadt Bruneck sind in dieser Hinsicht ein zentrales Thema, mit dem sich Kaser zeitlebens beschäftigt hat – ja im Grunde hat er sich ein Leben lang an der Stadt bzw. an der kleinstädtischen Enge und ihren Zwängen abgearbeitet. Er ist zwar mehrfach ausgebrochen, zum Studium nach Wien, auf Reisen nach Italien und Norwegen, doch am Ende ist er immer wieder – wohl auch unfreiwillig – zurückgekehrt.

Ist Bruneck ein ganz besonderes Pflaster?

Nein, das denke ich nicht. Ich vermute, in Kasers Bruneck finden sich auch viele Nicht-Brunecker wieder und gerade das zu ermöglichen ist sicher Kasers besondere literarische Leistung. Er beobachtete seine Umgebung sehr genau, beschrieb sie aber nicht wie ein Lokalhistoriker. Wie wir wissen orientierte er sich an moderner europäischer und amerikanischer Literatur, an Kafka, Brecht, Enzensberger, Robert Creeley und anderen. Entsprechend vermittelt er in seinen Texten auch nicht sterile Fakten, sondern er erzeugt ganz gezielt Stimmungsbilder, die man so sicher auch in vielen anderen Kleinstädten hätte aufnehmen können. Ich denke, gerade das macht auch den Reiz der Kasertexte aus.

Auf dem Viehmarkt in Stegen, Sommer 1974. © Karl-Theo Stammer

Auf dem Viehmarkt in Stegen, Sommer 1974. © Karl-Theo Stammer

Die Sprache als Tor zur Welt?

In gewissem Sinne trifft das bei Kaser sicher zu. Dadurch, dass er sich sprachlich auf einem weiträumigen Parkett bewegte, setzt er das kleine, abgeschiedene Bruneck zumindest in seinen Texten auf eine große literarische Landkarte, auf der sich dann ganz neue Nachbarschaften ergeben. Sigurd Paul Scheichl hat mir eine davon unlängst mit der Bemerkung „Bruneck ist Kasers Dublin“ angedeutet – ein Verweis auf James Joyces Roman „Ulysses“. Ich denke, es lassen sich bei genauerer Betrachtung auch noch weitere Parallelen finden. Mir war es jedenfalls wichtig, Kaser aus dem literarischen Kontext Südtirols herauszureißen, weil ich denke, dass man seiner schriftstellerischen Leistung nicht gerecht wird, würde man ihn auf einen regionalen Maßstab herunterbrechen.

Wie müssen wir uns das „Stadtporträt in Texten und Bildern“, das Sie aus Kasers Texten montiert haben, konkret vorstellen?

Mit einer literarischen Stadtkarte von Bruneck können Sie sich jetzt auf die Spuren von Norbert C. Kaser begeben! Klicken zum Herunterladen.

Mit einer literarischen Stadtkarte von Bruneck können Sie sich jetzt auf die Spuren Norbert C. Kasers begeben! Klicken zum Herunterladen.

Kaser hat Bruneck und das, was sich dort im gesellschaftlichen Leben abgespielt hat, auf unterschiedliche Weise festgehalten – in Gedichten, Prosaerinnerungen, Zeitungsglossen, Briefen und polemischen Streitschriften. Das Spannende war, die ausgewählten Texte in eine Dramaturgie zu bringen, d. h. sie im Buch so zu Kapiteln zusammenzufassen und anzuordnen, dass sich das Buch wie ein literarischer Stadtspaziergang durch Bruneck lesen lässt. Man soll gewissermaßen an der Hand Kasers die Stadt erkunden, mit ihm ins Gasthaus und auf den Stegener Markt gehen, die Standpauke des Schuldirektors ertragen, durch die Wälder am Stadtrand streifen, eine Kunstausstellung bekritteln usw. Da die Texte Momentaufnahmen sind, ergeben sie im Buch versammelt gewissermaßen ein literarisches Stadtpanorama. Damit es plastischer wird, habe ich zu diversen Texten zeitgenössische Bilder recherchiert, z. B. eines von Brunecks letztem Nachtwächter, gegen dessen Entlassung Kaser sich öffentlich starkgemacht hatte oder auch Bilder von Gasthäusern, Klosterkirchen und anderen Orten, die Kaser literarisch verewigt hat. Es gibt auch eine online frei zugängliche Stadtkarte zum Buch, auf der diverse Orte eingetragen sind, zu denen Kaser Texte verfasst hat. Es war also im Wesentlichen eine Recherche- und Kompositionsarbeit, um Kaser ausführlich zu Wort kommen zu lassen.

Blick auf die Hauptfassade des „Hotel Post“ am Brunecker Graben, um 1978. Foto: Ernst Mariner © Museumsverein Bruneck

Blick auf die Hauptfassade des „Hotel Post“ am Brunecker Graben, um 1978. Foto: Ernst Mariner © Museumsverein Bruneck

Aus mehreren Texten im Buch geht hervor, dass Kasers Beziehung zu seiner Heimatstadt sehr konfliktbelastet ist? Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich denke das Titelzitat „mein haßgeliebtes bruneck“ gibt ganz gut wieder, in welch schwierige Beziehung Kaser zu seiner Heimatstadt verstrickt war. Dass er von den meinungsbildenden Bürgern konsequent ausgegrenzt wurde, ist hinlänglich bekannt. Es gab aber auch einen sehr kleinen Kreis von Leuten, allen voran Klaus Gasperi, die ihn trotz der enormen Schwierigkeiten in seinem Leben einfach so akzeptierten, wie er war. Mir geht es mit meinem Buch nicht darum, das Spannungsverhältnis zwischen Kaser und Teilen der Brunecker Bevölkerung von damals abzubauen. Ich denke, das ist posthum nicht mehr möglich, weil persönliche Konflikte wohl nur zu Lebzeiten von den Betroffenen selbst bereinigt werden können. Weder Bücher noch Denkmäler – über die sich Kaser übrigens in Texten mehrfach lustig machte – können das nachträglich bewerkstelligen. Ich denke auch nicht, dass Kaser heute plötzlich allen sympathisch sein muss. Ich wollte in erster Linie ein Buch machen, das möglichst authentisch ist und das den Lesern von heute etwas Sinnvolles, Erbauliches, teils auch Unterhaltsames vermitteln kann. Im Falle Kasers verlangt das von mir wohl auch, das vorhandene Konfliktpotential rund um seine Person auszuhalten.

Gibt es eine persönliche Motivation, die Sie zur Herausgabe dieser Leseausgabe bewogen hat?

Da ich zwei Jahre nach Kasers Tod in Bruneck geboren wurde und dort aufgewachsen bin, haben mich Kaser und die jüngere Geschichte der Stadt natürlich von Haus aus beschäftigt. Dass daraus ein Buch geworden ist, hat wohl damit zu tun, dass Kaser meinen engeren sozialen und geschichtlichen Kontext besser als andere beschrieben hat – vor allem die Welt der einfachen Leute, die ja auch jene Welt ist, aus der ich komme und die in Bruneck und andernorts letztlich die Erfahrungswelt einer stummen Mehrheit ist. Unterbewusst ging es wohl darum, diese Erfahrungswelt in der Literatur, wo sie doch ziemlich unterrepräsentiert ist, über die Kasertexte wieder etwas präsenter zu machen.

***

Norbert C. Kasers bissig-melancholische Texte collagiert zum Sittenbild einer Kleinstadt: In mein haßgeliebtes bruneck lernen Sie Norbert C. Kaser von einer neuen Seite kennen: Kasers Gedichte, Glossen, Streitschriften und Briefe sind feinsinnige Momentaufnahmen eines oft traurigen und empörten Außenseiters. Mit zeitgenössischen Fotografien fügen sie sich in diesem Buch zum Mosaik eines verschlafenen Städtchens – zum Porträt einer Zeit, in der sich manches in Bewegung setzte und einer unter die Räder kam.