Foto- Daniel Schwartz

„Ich zünde kleine Blitze, die mir als flüchtige Erhellung dienen“ – Christoph W. Bauer über Paul Nizon

„Nizons Romane, Erzählungen und Journale sind bedeutende Werke der Gegenwart, sind Sprachkunst im besten Sinne des Wortes. Seine stete Suche nach neuen Ausdrucksformen führt zu einer großen Vielfalt formaler und sprachlicher Mittel.“ (aus der Jurybegründung zur Verleihung des Gert-Jonke Preises von Angelika Klammer)

Mit Paul Nizon wurde dieser Tage ein „Virtuose der poetischen Selbsterforschung“ (Angelika Klammer) mit dem Gert-Jonke-Preis ausgezeichnet. In diesem persönlichen Gastbeitrag gewährt uns Christoph W. Bauer einen kleinen Einblick ins Wirken und Leben eines Weggefährten. Ein Text über die Künstlerstadt Paris, über den Neuanfang als poetologisches Prinzip und über ein polarisierendes Werk, das niemanden unberührt lässt. Kommen Sie mit auf einen Streifzug durch die erstaunliche Republik Nizon — einen Ort, in dem jeder Blick Neuland freigibt.

 

Bauer_Foto_Florian_Schneider

Christoph W. Bauer. Foto: Florian Schneider

Wann immer ich nach Paris komme, mein erster Weg führt in die Rue Campagne-Première. Kürzlich war ich wieder dort, auf Besuch bei Paul Nizon. Es traf sich, dass wir dann gemeinsam nach Klagenfurt reisten, wo ihm der Gert-Jonke-Preis verliehen wurde. Wir waren morgens aufgebrochen, Boulevard Saint-Michel, Boulevard de Sébastopol, Boulevard de Strasbourg, vorbei an der Gare de l’Est und hatten über die Porte de la Chapelle die Stadt verlassen Richtung Roissy-Charles-de-Gaulle. Die Taxifahrt zum Flughafen führte durch Stadtbezirke, die Nizon in seiner Anfangszeit in Paris oft aufgesucht hatte. Er sei damals ein Namenloser gewesen, „eine Null, und sehr allein.“ Manchmal habe er sich abends ins Auto gesetzt und sei nach Zürich gefahren, aber kaum dort angekommen, habe er wieder den Retourgang eingelegt. „Das Leben ist zu gewinnen oder zu verlieren“, so sein markiger Leitspruch. Das Leben ist vornehmlich zu leben mit all seinen Widersprüchen, Zumutungen, privaten wie berufliche Pleiten, dessen war sich Nizon immer bewusst, rücksichtslos, auch sich selbst gegenüber. Sein Verhältnis zur Schweiz war damals ein schwieriges, mittlerweile hat es sich freilich gebessert.

 

Gemeinsam mit anderen Suhrkampautoren vor der Villa von Verleger Siegfried Unseld anlässlich des 70. Geburtstags von Max Frisch (Nizon links auf der zweiten Stufe stehend); Frankfurt 1981. Foto: Joachim Unseld

Gemeinsam mit anderen Suhrkamp-Autoren vor der Villa von Verleger Siegfried Unseld anlässlich des 70. Geburtstags von Max Frisch (Nizon links auf der zweiten Stufe stehend); Frankfurt 1981. Foto: Joachim Unseld

„Ich lebte auf Abruf in meiner Geburtsstadt Bern, und als sich eine Gelegenheit bot, verließ ich die Stadt.“ Seit 1977 lebt er nun in Paris, seinen Auszug an die Seine hat er oft als Exodus bezeichnet, wenngleich seine Übersiedlung keinerlei politischen Zwängen geschuldet war. Aber die Entscheidung für Paris war Ausdruck existenzieller Notwendigkeit, war Schutzschild zugleich, kein selbstzufriedener Platzhirsch wollte er sein, jedem Anflug von Bequemlichkeit, die ihm als Schriftsteller und angesehenem Kritiker der NZZ drohte, galt es zu trotzen. Kurzum: Paris war eine Lebensentscheidung und eine für das Schreiben. „All diese Stimmen, die hier in der Luft sind. Die ganze Geisterwelt, sie ist präsent im Kopf eines Menschen, der sich hier niederlässt und hier etwas verbringen will. Dieser Stadt muss man ja etwas beweisen. Sonst geht man jämmerlich unter. Ich wollte neu anfangen mit dem Schreiben – und man will es natürlich den Großen gleichtun. Man möchte das denkbar Größte aus sich herausholen.“ Und so ging er daran, die Künstlerstadt Paris samt ihrer Klischees in seiner Sprache neu abzubilden, sie hereinzuholen in seine Bücher. „In diesem Zusammenhang wollte ich auch diesen Auswanderer und Emigranten abbilden, diese Emigrantenexistenz.“ Er schrieb sich einer bestimmten Familie von Künstlern und Schriftstellern ein, in die Familie der Emigranten.

Es sich bloß nicht zu leicht machen, seine Parole, Widerstand leisten, heißt, Verlockungen widerstehen – und mit Erwartungshaltungen brechen, wohl einer der Hauptgründe, warum er die Schweiz verließ. Mit der französischen Staatsbürgerschaft liebäugelt er eine Weile, einen Pariser Pass hätte er sofort angenommen. Als Franzose fühlt er sich bei Weitem nicht, selbst nach den vielen Jahrzehnten in Paris, einer Stadt, deren Kultur immer „Fremdlinge“ geprägt haben. Auch in der Rue Campagne-Première – Rilke, Picabia, Man Ray und Majakowski, Aragon und Benjamin marschierten einst durch diese Straße, die den Boulevard du Montparnasse mit dem Boulevard Raspail verbindet. Oft habe ich ihn aufgesucht in dieser Straße, zuletzt beinahe monatlich. Kein Treffen gleicht dem anderen, es sei denn, was unsere abendlichen Ausmärsche betrifft: Wir haben es zu einer wahren Meisterschaft gebracht, uns in Restaurants zu begeben, in denen das Offerierte stets abenteuerlich anmutet.

Paul Nizon mit Thomas Bernhard, im Hintergrund (von links) Wolfgang Koeppen, Ernst Jandl und Franz Fühmann; Frankfurt 1977. Foto: Joachim Unseld

Paul Nizon mit Thomas Bernhard, im Hintergrund (von links) Wolfgang Koeppen, Ernst Jandl und Franz Fühmann; Frankfurt 1977. Foto: Joachim Unseld

Ein Abenteuer anderer Art erinnerte ich, als wir im Taxi zum Flughafen saßen: Wir hatten an einem Samstagvormittag einen Markt aufgesucht – und dort hatte ich eine Ahnung vom Entstehungsprozess seiner Sätze bekommen. Denn vor Obst- und Gemüsesteigen, vor dem Feilschen der Metzger und Bäcker wurde Nizon ganz Kind seiner Lebenslust. Wie ein Entdecker trieb er voran, zielstrebig, dann wieder tastend, immer aber staunend, offerierte doch jeder Blick Neuland. Diese Jagd nach Neuem ist der Motor seines Schreibens. Etwas in den Griff kriegen, nennt Nizon das, und ein klein wenig Zufriedenheit stellt sich erst ein, wenn er Formulierungen gefunden hat, und er weiß, das Entdeckte auf diese Art noch nie in Worte gegossen zu haben. Das korrespondiert mit seinem poetologischen Ansatz, jeder Text habe eine Neuschöpfung zu sein, eine Einmaligkeit. Und tatsächlich: In jedem seiner Bücher manifestiert sich ein Neuanfang, im formalen Aufbau, aber auch in der sprachlichen Durchleuchtung des Stoffs. Letzterer meint bei Nizon zwar stets das eigene Ich, ob in Canto (1963), Das Jahr der Liebe (1981) oder in Das Fell der Forelle (2005), stets wird es zum Sprungbrett, um sich auf den literarischen Weg zu machen. In Hundö. Beichte am Mittag (1998) heißt es: „Ich bin nicht fürs Denken, ich bin fürs Laufen gemacht.“ In der meisterhaften Capriccio-Sammlung Im Bauch des Wals (1989): „Ich zünde kleine Blitze, die mir als flüchtige Erhellung dienen – zum Weitergehen.“ Ein Marschierer sei er, das schlägt auch in seinem umfangreichen Journal-Werk durch. Wenig verwunderlich dito, dass der Titel seiner Frankfurter Poetikvorlesung Am Schreiben gehen lautet.

„Egozentrismus und Nabelschau“, sagen die einen, „einen Virtuosen der Selbsterforschungen“ nennen ihn die anderen. Nizon hatte immer Gegner, Befürworter ebenfalls, sein Werk polarisiert – und es wird uns alle überdauern.

***


Paul Nizon: Die Republik Nizon. Eine Biographie in Gesprächen

Paul Nizon: Die Republik Nizon. Eine Biographie in Gesprächen

»Verzauberer, der zur Zeit
größte Magier der deutschen Sprache«

Le Monde

 

»Paul Nizon ist einer der besten Schriftsteller der Welt. Er hätte längst den Nobelpreis bekommen müssen.«

Frédéric Beigbeder

Ist man zu Gast in der „Republik Nizon“, taucht man ein in die Welt eines manischen Schreibkünstlers, der seinen Lebensmittelpunkt seit vier Jahrzehnten in Paris hat, der Stadt der Dichter.

In seinem persönlich gehaltenen Nachwort erzählt der Lyriker und Romancier Christoph W. Bauer von seinen Treffen mit Paul Nizon im Paris der Gegenwart – und vom Kennenlernen eines Solitärs in der deutschsprachigen Literatur. Hier geht’s zum Buch.