Frank Wiggermann: Vom Kaiser zum Duce. Lodovico Rizzi (1859-1945). Eine österreichisch-italienische Karriere in Istrien

Lodovico Rizzi: Auf den Spuren eines faszinierenden Politikers in Istrien

Das Leben des österreichisch-istrischen Italieners Lodovico Rizzi war geprägt von großen Umbrüchen. Er gehört zu den wichtigen politischen Persönlichkeiten seiner Zeit in Istrien. Im Alter von nur 30 Jahren wird der gemäßigte Rizzi 1889 mit Unterstützung der k.u.k. Monarchie zum Reichsratsabgeordneten in Wien und zum Bürgermeister von Pola, einem der wichtigsten Marinestützpunkte des Habsburgerreiches, gewählt. Als Abgeordneter macht Rizzi sich bald einen guten Namen, Pola beginnt zu florieren. Die Wende kommt jedoch mit Ende des Ersten Weltkrieges: Als die k.u.k. Monarchie zusammenbricht, beginnen auch in Pola Kämpfe um die Vorherrschaft. 1923 kehrt Rizzi auf die politische Bildfläche zurück: Mussolini ernennt ihn zum Sonderkommissar von Pola.

Historiker Frank Wiggermann hat sich für sein neues Buch „Vom Kaiser zum Duce“ auf  die Spuren Lodovico Rizzis begeben und liefert damit nicht nur eine spannende Biografie, sondern gleichzeitig auch ein faszinierendes Porträt der Region Istrien um 1900 und einen umfassenden Überblick über die politischen Geschehnisse der damaligen Zeit.

Ein Gastbeitrag von Frank Wiggermann

Es war im Herbst 2010 …

Mein italienischer Historikerfreund Almerigo Apollonio hatte mir seit Jahren in den Ohren gelegen: Was ich denn nach meiner Dissertation über die k.u.k. Kriegsmarine in Pola/Istrien historiographisch vorhätte? „Nichts“, pflegte ich in regelmäßigen Abständen freundlich zu antworten. Aus der Ferne beobachtete ich natürlich weiter die Publikationen über Istrien, fand für eigene Forschungen aber allemal keine Zeit.

Pula, Istrien.

Pula, Istrien

Da fiel mir beim Schmökern im Österreichischen Biographischen Lexikon eine Lücke auf:

Lodovico Rizzi, Bürgermeister von Pola/Istrien 1889—1904, später einer der einflussreichsten österreichisch-italienischen Politiker in Wien, bevor er sich nach dem Ersten Weltkrieg allmählich dem Faschismus zuwandte. Ein Briefwechsel begann. Herr Apollonio und ich entwickelten beide Interesse am Tagebuch Rizzis, der mir schon während des Schreibens der Doktorarbeit über den Weg gelaufen war. Wo das Diarium dieses verlorenen istrischen Protagonisten (1859—1945) wohl verblieben sei? Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Exodus der istrischen Italiener waren liberale Politiker wie Rizzi aus dem Gedächtnis der Italiener gefallen.

Auszüge des Tagebuchs waren in den 1950er Jahren publiziert worden, aber die Tausenden von Seiten im Original? Sie galten als verschollen.

Herr Apollonio übernahm die schwierigen Nachforschungen in Triest und Venedig – ohne Erfolg. Schließlich nahm er all seinen Mut zusammen: Seine Nachbarin in Pavia hatte eine Schulfreundin aus der Nachkriegszeit namens Rizzi. Soviel war ihm bekannt. Ob sich daraus ein familiärer Zusammenhang mit dem Politiker Lodovico Rizzi ergäbe? Die Zögerlichkeit der Nachbarin überwindend und nachdem er sich ihre langen Klagen über die Krankheiten der vergangenen Jahre angehört hatte, konnte er der alten Hausgenossin die Rufnummer der Freundin namens Rizzi entlocken. Die alte Dame hielt Frau Rizzi schon für verstorben. Am Telefon antwortete Herrn Apollonio stattdessen die jugendliche Stimme der 80-jährigen Mariarosa Rizzi in Bolzano/Bozen (1930 geboren), die ihm bereits Einiges berichten konnte: Ihr Großvater Lodovico Rizzi sei noch im März 1945 vor Kriegsende in Pola gestorben und auf dem bürgerlichen Friedhof begraben worden. Die letzte noch lebende Enkelin zeigte sich traurig darüber, dass die italienische Geschichtsschreibung ihren Vorfahren ganz und gar vergessen habe. Sie hatte ihren Großvater als junges Schulmädchen im Pola der 1930er Jahre noch erlebt.

Frau Rizzi gab sich äußerst hilfsbereit und schickte mir aus Triest erstes Material über ihren Großvater Lodovico Rizzi:

einige alte Zeitungsartikel und eine schöne Fotografie der ehemaligen Landvilla Rizzi bei Pola. Auf einem der Hügel von Triest verbrachte sie jetzt die Sommermonate in der Wohnung ihrer längst verstorbenen Eltern.

Aber das Tagebuch war nicht auffindbar. Auch Mariarosa Rizzi musste nach verschiedenen Nachforschungen feststellen, dass es verschwunden sei. Uno scandalo! Das Tagebuch musste verlorengegangen sein, nachdem es der Historiker Sergio Cella in den 1950er Jahren vollständig gelesen hatte.

Am Bild zu sehen: Frank Wiggermann im Gespräch mit der letzten noch lebenden Enkelin von Lodovico Rizzi, Mariarosa Rizzi, in Triest.

Am Bild zu sehen: Frank Wiggermann im Gespräch mit der letzten noch lebenden Enkelin von Lodovico Rizzi, Mariarosa Rizzi, in Triest.

Die privaten Aufzeichnungen haben wir also nicht gefunden, stattdessen aber die sprudelnde Quelle der letzten Nachfahrin Mariarosa Rizzi. Ich habe die alte Dame in den letzten Jahren häufig in ihrem schönen Triester Appartement besucht. Sie repräsentiert noch das alte austro-italienische Bürgertum von Istrien. Die Tatsache, dass sie seit den 1940er Jahren überwiegend in Bozen lebt, hat ihr manche istrische Denk- und Sprachmuster bewahrt, die in Triest schon verschwunden sind.

Danach ging alles immer schneller.

Die Archivarbeit an der nördlichen Adriaküste begann. Wenn sich Fragen einstellten, zog ich gerne das Korrektiv der letzten Augenzeugin und Enkelin hinzu. Diese erinnerte sich – aus großem zeitlichem Abstand zu den Ereignissen der 1930er Jahre – an eine unbeschwerte Kindheit in Istrien ohne Politik. So unpolitisch war es aber gewiss nicht zugegangen: Recht bald hatten sich Vater und Sohn Rizzi der faschistischen Bewegung in den 1920er Jahren angeschlossen. Für die Kriege des Duce Benito Mussolini haben die istrischen Italiener später einen hohen Preis bezahlt: die Vertreibung und Flucht vor Titos kommunistischen Partisanen aus Dalmatien, Fiume und Istrien 1947.

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Frank Wiggermann: Vom Kaiser zum Duce. Lodovico Rizzi (1859-1945). Eine österreichisch-italienische Karriere in IstrienWas bewegt einen moderaten Italiener der verflossenen Monarchie, sich in den Dienst des Faschismus stellen zu lassen? Und welche gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen haben zu dieser Kehrtwende geführt?
 
Historiker Frank Wiggermann erzählt in „Vom Kaiser zum Duce“ vom faszinierenden Leben des Lodovico Rizzi und liefert gleichzeitig ein spannendes Porträt der Region Istrien um 1900 – fundiert und kurzweilig
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Frank Wiggermann, geboren 1971, Studium der Geschichte und evangelischen Theologie in Münster/Westfalen und Wien, unterrichtet an einem Gymnasium in Niedersachsen und ist mit einer Arbeit über die militärisch-zivilen Konflikte in Pola/Istrien in den Jahrzehnten bis zum Ersten Weltkrieg promoviert worden („K.u.k. Kriegsmarine und Politik. Ein Beitrag zur Geschichte der italienischen Nationalbewegung in Istrien“, Wien 2004). Aufsätze im Jahrbuch des Centro di ricerche storiche (Rovigno/Rovinj). Bei Haymon erschienen: „Vom Kaiser zum Duce. Lodovico Rizzi (1859—1945). Eine österreichisch-italienische Karriere in Istrien“ (2017).