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„In den Nächten, da träumte ich zu fallen.“ Der Kultroman „Man Down“ – Leseprobe

Kai ist gefallen. Und zwar vom Dach. Nach diesem Arbeitsunfall hat er keinen Job mehr, lebt in einer Bruchbude und ist völlig orientierungslos. Zuflucht findet er bei Alkohol und Drogen, mit denen ihn sein Freund Shane versorgt. Immer weiter rutscht Kai ins Kleinkriminellenmilieu ab und findet keinen Halt.
André Pilz verleiht in „Man Down“ all jenen, die am Rande der Gesellschaft stehen, eine authentische Stimme – ein Roman über eine verlorene Generation in unserer Wohlstandsgesellschaft, erzählt mit so viel Kraft, so viel Direktheit und Emotion, dass der Schmerz noch lange spürbar ist.

 

Leseprobe

pressepilzShane versorgte mich mit dem, was mich davon abhielt durchzudrehen. Es gab zwei, drei Wochen, da war ich jeden Tag zugedröhnt. Es gab Tage, da habe ich mich schon am Morgen völlig weggeschmissen. Ich verschiss die Zeit, so gut ich konnte. Entweder ich kiffte oder ich soff, meistens tat ich beides gleichzeitig. Mir war alles scheißegal. Es gab nur den Rausch, die Musik, das Lachen, das Philosophieren, den großen Weltschmerz. Ich hatte längst aufgegeben, die Stellenanzeigen zu lesen. Keiner wollte n Humpelbein wie mich.
Shane hatte immer Gras. Er saß dann in seinem Sessel wie n King, breitbeinig, lächelnd, das Gras auf seinen austrainierten Schenkeln angehäuft, mit ner Tüte so fett, dass Peter Tosh neidisch geworden wäre, und wenn er mir die Tüte dann reichte, tat er das so konzentriert, als wäre all das eine heilige Zeremonie. „Kauf dir mal neue Klamotten, Kai. Die Jeans kenne ich schon länger als dich.“
„Kein Wunder. Die hast du mir geschenkt.“
„Zieh sie sofort aus!“
„Das sind meine Lieblingsjeans.“
„Und dieser Kapuzenpulli! Ich sehe seit drei Wochen dieselben Mottenlöcher.“
„Ich hab nur zwei Sweatshirts.“
„Dann zieh mal das andere an.“
„Das finde ich nicht mehr.“
„Warum sagst du dann, du hättest zwei?“
„Warum nicht?“
„Weil du nur noch eines hast, Mann!“
„Es ist ja nur verschollen. Wahrscheinlich liegt es in der Waschmaschine im Keller. Vielleicht liegt es unter der Matratze, was weiß ich.“
Shane schüttelte den Kopf und strich sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht. Ich zog an der Tüte und legte mich auf seine Couch.
„Es gibt zwei Sorten von Menschen“, sagte Shane. „Die einen sind Täter. Die anderen Opfer. Und du bist ein Opfer.“
„Wenn du das sagst.“
„Du hast Sehnsucht nach deinem Untergang. Du bist gerne unten. Ich bin gerne oben. Über mir darf keiner sein. Kein Boss, kein Gott. Ich bin frei. Dich kann keiner retten, du bist verloren.“
Ich konnte ihm nicht widersprechen, also sagte ich gar nichts, rauchte das verdammte Weed und lächelte glückselig.
Irgendwann klingelte es an der Tür, einmal, zweimal, dreimal, aber Shane rührte sich nicht. Nach einer kurzen Pause hörten wir die Tür quietschen, dann Schritte, aber irgendwie war es uns scheißegal. Ob da nun ein Bulle auftauchte, ein Dieb oder der Postbote – jeder war willkommen. Shane verlangte den Joint zurück, zog daran und lächelte. Er dachte nicht im Traum daran, das Teil zu verstecken.
Und da stand dann diese Kleine im Zimmer. Das erste, was ich mir dachte: Gebt ihr ne neue Frisur, und sie sieht klasse aus. Gebt ihr ne neue Frisur, und sie ist die Cameron Diaz von Giesing.
„Hallo“, sagte sie schüchtern, ohne aufzublicken. Verdammt, sie war heiß, aber sie hatte zu viele Haare auf dem Kopf, hatte sie hochgesteckt, mit vielen Klammern zusammengerafft, die einzige Frau, die ich jemals mit so einer Frisur gesehen hatte, war Doris Day gewesen, und die hatte damit schon in den Filmen aus den 60ern beschissen ausgesehen. „Ihr seid wohl völlig bescheuert geworden.“
„Was ist los?!“, brummte Shane und runzelte die Stirn.
„Größer geht’s wohl nicht, oder?“
Shane hob die Riesentüte lächelnd in die Höhe und schloss die Augen. „Für Senol Aydin nur das Größte! Für Senol Aydin nur das Beste!“
„Das ganze Stiegenhaus stinkt nach Gras, Shane.“

Der Autor André Pilz. Foto: Camila Torres

Der Autor André Pilz. Foto: Camila Torres

„Ich werd’ dir zeigen, dass Gras nicht stinkt!“ Shane nahm einen tiefen Zug, packte die Kleine und setzte sie auf seinen Schoß, er grapschte nach ihren Titten und drückte seine Lippen auf ihre, aber sie wehrte sich heftig und sprang auf. Sie sagte etwas, das wie „Ma bitte goarschen!“ klang und darauf schließen ließ, dass sie irgendwo aus den österreichischen Bergen kam. Sie trug einen braunen Minirock und ein graues T-Shirt. Und darüber eine dünne, schwarze Jacke. Ich weiß auch noch, dass ihre Füße ohne Söckchen in ihren schwarzen Sandalen steckten. Ihre Zehennägel waren weiß angemalt. Ich war zugedröhnt, aber ich erinnere mich an jedes Detail. Alles war verschwommen, alles floss dahin, nur sie war ganz klar, nur sie stand still. Ihre Zehennägel waren weiß.
Sie gab Shane ein Kuvert, sah kurz zu mir rüber, dann war sie schon wieder verschwunden.
Ich war zu müde, um zu fragen, wer sie war und wie sie hieß und was sie wollte. Hätte ich es getan, alles wäre bestimmt ganz anders gekommen.
So sagte ich nur: „Ich würde alles geben, sie zu küssen.“
„Ist sie nicht ein bisschen billig?“
„Sie ist heiß!“
„Dir steigt das Zeug zu schnell ins Hirn.“
„Sie ist heiß.“
„Das meinst du nicht ernst.“
„Ich würd sterben für nen Kuss, ich schwör.“
„So was zu sagen bringt Unglück.“
„Mein Leben für nen Kuss.“
„Du kannst sie haben.“
„Ich kann sie haben?“
„Scheiße, ja.“
„Für nen Kuss? Ne Nacht? Eine Woche?“
„Von mir aus für immer.“
Ich stand auf, nahm Shane die Tüte aus der Hand, zog daran, gab sie ihm wieder und warf mich zurück auf die Couch. „Das hast nicht du zu bestimmen. Du solltest sie nicht so behandeln, hörst du? Ich mag das nicht. Du kannst kein Mädchen so behandeln.“
Shane winkte ab und streckte seinen Arm aus, um die Regler zu bedienen und die Lautstärke höherzufahren. Der Bass ließ die Fensterscheiben vibrieren. Er zog an seinem Joint wie ein Baby an seinem Schnuller. „Ich könnte Öcal fragen, ob er einen Job für dich hat.“
„Danke, nein.“
„Warum nicht?“

Der Roman spielt in München.

Der Roman spielt in München.

„Ich kenne deine Brüder.“
„Kennst du nicht.“
„Ich hab von ihnen gehört, Shane. Das genügt.“
Ich spürte, wie das Gras einfuhr. Ich tauchte ein in die Musik, ich schwamm in der Musik, mit der Musik, ich war Musik, oh fuck, ich konnte mein Hirn nicht mehr beisammenhalten. Alles flog auseinander. Die ganze Scheiße explodierte.
„Du bist jetzt 25. Du hast kein Auto, keinen Fernseher, du hast nicht mal n Bett, dein Handy gehört mir und dein Arsch gehört meinen Brüdern. Ich mach mir Sorgen.“
„Ich hab meine Musik. Ich hab die Sonne, ich hab das Gras. Du bringst mich zum Lachen, meine rechte Hand bringt mich zum Abspritzen. Was brauche ich mehr?“
Shane stand auf und setzte sich auf die Sessellehne. „Arbeite für Öcal und du hast richtig große Musik. Arbeite für Öcal und die Sonne scheint für dich auch in der Nacht und du musst nie mehr wichsen in deinem Leben, verstehst du?“
Shane zog ein paar Scheine aus seiner Hosentasche. Er schnupperte an ihnen und warf sie auf den Tisch. „Habe ich am Wochenende verdient!“
„Ich wette, das war keine ehrliche Arbeit.“
„Was ist ehrliche Arbeit?“
„Ich weiß, was dreckige Arbeit ist.“
Shane griff nach den Scheinen, knüllte sie zusammen und steckte sie wieder ein. „Ich muss dich enttäuschen. Ehrliche Arbeit gibt’s nicht mehr. Bescheißen oder beschissen werden, so läuft’s heute. Reich werden nicht die Klügsten, nicht die Fleißigsten, reich werden die Skrupellosesten, die Gewissenlosesten.“
„Ich will gar nicht reich werden.“
„Das denk ich mir. Gutmenschen wie du verhungern und fühlen sich dabei auch noch schuldig.“
„Mit Drogen will ich nichts zu tun haben.“
Shane zog an dem Joint, legte den Kopf in den Nacken und blies den Rauch mit geschlossenen Augen aus. „Dann eben nicht. Der Job ist sowieso nichts für deutsche Schwuchteln. Ihr Deutsche seid gute Soldaten gewesen. Jetzt seid ihr nur mehr Pussys. Lasst euch in der U-Bahn von Halbstarken zusammenschlagen, macht euch vor den Islamisten in die Hosen, lasst zu, dass Kanaken eure Feuerwehrleute und Polizisten bespucken. Früher wolltet ihr Helden sein, jetzt wollt ihr nur mehr euren Arsch im Warmen haben, ihr wollt schwarz-rot-goldene Fahnen schwenken und Sommermärchen erleben, euch bei Bohlen, Klum und Kerner den Finger in den Arsch stecken.“
„Was sollen wir tun? Wieder hart wie Kruppstahl werden? Hitler auferstehen lassen?“
„Nein. Eier zeigen. Nur ein bisschen Eier zeigen.“
Er nahm das englische Fußballmagazin, das er am Bahnhof geklaut hatte, weil ein zweiseitiger Bericht über Galatasaray Istanbul drinnen war, und blätterte darin. Shane verstand kaum ein Wort Englisch, er sah sich nur die Bilder an und lächelte.
Das Gras zog mich runter. Ich hatte zu viel erwischt. Ich wollte aufstehen, aber ich konnte nicht. Ich hatte das Gefühl, kopfabwärts gelähmt zu sein.
Shane legte das Heft beiseite und glotzte auf seine rot-gelben Socken. Rot-gelb, die Vereinsfarben von Galatasaray.
„Meine Brüder wollen bis zum Ersten ihr Geld.“
„Ich weiß, Shane.“
„Ich habe mich für dich verbürgt, Kai.“
„Nächste Woche hast du das Geld. Am zweiten, ich schwör. Am ersten zahlt mich der Meyer, am zweiten zahl ich dich.“
„Du könntest das Geld ruck-zuck abarbeiten. Fahr einmal in der Woche in die Schweiz, hol n bisschen Dope von den Marokkanern und bring’s nach München.“
„Nein, Shane, nein. Drogengeschäfte sind mir zu heiß. So was ist ne Nummer zu groß für mich.“
Shane öffnete eine Dose Bier und trank ein paar Schlucke. „Wir hatten zwei Jahre lang nen Topkurier, nen Weißrussen, den Max. Wie Max Schmeling, verstehst du? Max hatte Eier und Fäuste aus Stahl. Aber Max hatte nen Unfall. Und ich hab Einreiseverbot in die Schweiz.“
„Ich vertick keine Drogen, Shane.“
„Du sollst sie auch nicht verticken. Du sollst sie nur von A nach B bringen.“
„Ich verkauf meine Seele nicht.“
„Ich will deine mickrige Seele nicht. Nur die Grübchen in der Wange. Die werden die Zöllner und Bullen davon abhalten, dich zu kontrollieren. Keiner vermutet, dass n deutsches Milchgesicht wie du Drogen schmuggelt.“
„Vergiss es.“

7891_HAYtb_titel_pilz_man-down_2.0.indd„Das Gras geht an Studenten. Wenn die nicht kiffen, saufen sie. Wenn sie saufen, fahren sie besoffen Auto, ficken ohne Kondom ne ukrainische Aidsnutte oder stürzen beim Bungee-Jumping in Australien ab. Die suchen den Kick. Bevor sie Spießer werden, wollen sie die Sau rauslassen, verstehst du?“
„Scheiß drauf.“
„Ich brauch nen Kurier, du brauchst die Kohle.“
„Was nützt mir die Kohle, wenn ich in Stadelheim sitze?“
„Besser in Stadelheim mit Kohle als in Giesing pleite. Aus Stadelheim kommst du eines Tages raus. In Giesing bleibst du ohne Geld für immer.“

 

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