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„Hoch über allem“ von Sepp Mall – Leseprobe

Ein junges Paar, Jakob und Marilyn. Eigentlich heißt sie Maria, aber irgendjemand hat ihr diesen Namen verpasst und er ist geblieben. Ein Studentenpaar im Wien der 70er Jahre, frisch verliebt, der erste Kuss mitten in einer Demonstration gegen das Wiederaufleben der braunen Brut, eine erste Nacht in Marilyns Zimmer, ein langsames Sich-Annähern zweier unterschiedlicher Seelen, es könnte immer so weitergehen.

Bis eines Tages etwas passiert, ein Unfall, an dem Marilyn beteiligt ist, ein Kind, das zu Schaden kommt. „Ich habe etwas Schlimmes gemacht“, sagt Marilyn und kommt nicht mehr zur Ruhe. Jakob verspricht ihr, sie nicht alleine zu lassen, aber trotzdem gerät das Leben der zwei Liebenden vollkommen durcheinander.

Sepp Mall erzählt in seinem neuen Roman von Liebe und Verlassensein, von den Sicherheiten, die einem von einem Tag auf den anderen abhandenkommen, zeigt gleichzeitig aber auch, wie die Scherben eines Lebens behutsam wieder zusammengefügt werden können.

Er hatte ein Dämmern in Erinnerung, ein Fahlwerden der Farben in den Straßenzügen und Aufgängen von Häusern, aber darüber hinaus hatte er keine Ahnung mehr, wie er Marilyn schließlich wiedergefunden hatte an jenem Tag. Sie saß ganz hinten in dem Krankenzimmer, das er vorsichtig betreten hatte, sie saß auf diesem braunen Kunstlederstuhl neben dem Bett und sah kaum auf, als er zu ihr hintrat.

„Marilyn“, sagte Jakob.

„Es ist nichts passiert“, sagte Marilyn, fast zu laut für die Stille des Zimmers, für die späte Stunde, dieser Eindruck war plötzlich wieder da in Jakobs Kopf. „Es ist nichts passiert“, sagte sie, „wir können gleich gehen.“

Sie hatte nur ihre Lippen bewegt, ihre Augen und der Rest ihres Gesichts waren starr und beinahe ausdruckslos geblieben. Auch als Jakob seine Hand auf Marilyns Wange legte, wollte sie ihn nicht ansehen. Sie wiederholte noch einmal, dass nichts passiert sei, gar nichts, und sie in der nächsten Sekunde das Krankenhaus verlassen könnten.

„Du kannst mich gleich mitnehmen“, sagte sie, und mit einem Male schien sich ein Gedanke in ihr breitzumachen, der sie erschreckte und peinigte. Sie hielt mitten im Satz inne und ihr Rumpf krümmte sich nach vorne, bis er auf ihren Oberschenkeln und Knien zu liegen kam, die Arme über dem Kopf. Aus diesem Knäuel drang ein Schmerzenslaut, ein ängstliches Wimmern, das Jakob an das unterdrückte Auf- jaulen eines gequälten Tieres denken ließ.

Er ging vor Marilyn in die Knie, nahm ihr Gesicht in beide Hände und zwang sie so, ihn anzusehen.

„Ich habe etwas Schlimmes getan“, flüsterte sie jetzt.

„Aber nein“, sagte Jakob, „das hast du bestimmt nicht.“

„Doch“, flüsterte Marilyn und sah ihn an, „doch, das habe ich.“

Der Arzt, der das Zimmer betrat, leuchtete in Marilyns Augen und fühlte ihren Puls, dann sagte er, dass sie nach Hause gehen könne. Jakob solle dafür sorgen, dass sie ins Bett komme, sich ausruhe und keine Dummheiten mache. Es sollte ein Scherz sein, zumindest klang es danach, aber der Doktor lachte nicht einmal selbst dazu.

Marilyn weigerte sich, in das Taxi, das vor dem Krankenhaus stand, einzusteigen, sie wollte zu Fuß gehen, die gesamte Strecke, aber Jakob überredete sie dann doch. Sie setzte sich in den Fond des Wagens und drückte ihre Tasche an sich. Sie ließ es zu, dass Jakob ihre Hand hielt, aber sie blickte an ihm vorbei aus dem Fenster und sagte kein einziges Wort.

In seiner Wohnung ging sie schnurstracks ins Schlafzimmer, warf sich aufs Bett und rollte sich zusammen wie ein Embryo. Jakob ging in die Küche, um Wasser für einen Kamillentee aufzustellen, und als er mit dem Tablett in der Hand zurückkam, hatte er den Eindruck, dass Marilyn schlafe. Er stellte die Tassen auf die Fensterbank und legte sich auf die andere Hälfte des Bettes.

Er hatte keine Ahnung, was geschehen war, trotzdem dachte er die ganze Zeit an nichts anderes als einen Unfall mit dem Auto. Was hätte es sonst sein sollen? Marilyn hatte am Morgen erwähnt, dass sie zu einer Freundin wolle, und vielleicht hatte sie Jakobs Wagen genommen, was sie öfters tat.

Jakob legte seine Hand, seinen Arm auf Marilyns Hüfte. Er war froh, dass ihr offensichtlich nichts Gröberes passiert war. Der Schock würde sich legen, morgen, übermorgen, und die alte Karre ließe sich bestimmt reparieren. Er kannte eine Werkstätte am Stadtrand, wo der alte 850er schon fast zu Hause war. Vor drei Monaten hatte man dort die Bremsbeläge ausgetauscht, die gebrochene Schaltung repariert und einige Karosserieteile, die Jakob beim Ein- parken beschädigt hatte, ausgebeult und neu lackiert. Und seine Mutter hatte ihm die Reparaturen bezahlt ohne zu lamentieren.

 

In der Nacht war Jakob plötzlich wach geworden. Marilyn saß aufrecht im Bett, sie hatte Licht gemacht und starrte vor sich hin. Als sie merkte, dass auch Jakob wach war, drehte sie sich zu ihm und sah ihn an. Sie trug immer noch ihren Pullover und die Jeans, die Kleidungsstücke, in denen sie eingeschlafen war.

„Da war jemand“, sagte sie unvermittelt, „ein Kind.“

Jakob glaubte nicht richtig zu hören. Er setzte sich auf und schüttelte den Kopf.

„Doch“, sagte Marilyn, „ein Kind, ein Bub auf seinem Fahrrad. Irgendwann war er da, rechts von mir auf diesem Gehsteig. Mit seinem roten Fahrrad. Wir haben uns angesehen, der Bub über seinen Lenker gebeugt, er lachte herüber, er war so …“

„Wie, so …“, fragte Jakob.

Seine Kehle war ausgetrocknet, aber das Glas, das neben dem Bett auf dem Boden stand, war leer.

„Konkurrenzlustig“, sagte Marilyn, „verstehst du?“ „Nein“, sagte Jakob.
„Das war in seinem Blick, ich habe es ganz deutlich gesehen. Und dann steht er in seinen Pedalen auf, um schneller zu sein, um zu beschleunigen, um auf meiner Höhe zu bleiben. Und immer wieder der Blick zu mir herüber, ein herausfordernder, kämpferischer Blick. Es hat mich amüsiert und ich habe extra verlangsamt, ich bin auf die Bremse gestiegen, damit es noch ein Weilchen so weitergehen kann.

Mein kleiner Rennfahrer, sagte ich, nur noch ein paar Meter, dann hast du mich überholt.“

Marilyn schlang die Arme um ihren Oberkörper wie jemand, dem zu kalt ist.

„Kannst du das auch“, fragte sie, „auf dem Rad stehen und so in die Pedale steigen? Kannst du das auch, Jakob?“

Ihre Stimme war ohne Betonung, gleichförmig, als wäre es keine Frage, sondern nur ein Gedanke, der sich verselbständigt hatte.

„Doch“, sagte Jakob, „wir haben das oft gemacht als Buben, zu zweit, zu dritt am Fluss entlang und dann über die Hügel hinauf.“

„So schnell, dass einem der Wind das Haar aus der Stirn bläst, dass du das Flattern hörst, so schnell, dass einem die Ohren rauschen vor Geschwindigkeit. Und wenn man dann stillsteht, ist man immer noch ganz betäubt.“

„Und weiß nicht, wo man sich befindet“, sagte Jakob.

Marilyn schüttelte den Kopf, als wolle sie nicht hören, was Jakob zu sagen hatte.

„Und dann?“, fragte er.

„Ich habe ganz vergessen“, sagte Marilyn, „wie lang wir so dahinfuhren, ich auf der Straße und er auf dem Gehsteig, parallel zu mir. Es hätte nicht aufhören können. Zwischendurch war der Junge ganz nahe, sein offenes, helles Gesicht, wir hätten durch das Seitenfenster miteinander reden können, lachen, aber plötzlich war niemand mehr da. Von einer Sekunde auf die andere war er verschwunden und auch das rote Fahrrad, und ich stand still.“

Sie war in ihrem Auto sitzen geblieben und hatte ohnmächtig zugeschaut, wie jemand anders, Autofahrer, die angehalten hatten, den Jungen unter dem Wagen hervorzogen, wie sie ihn auf die Wiese legten. Sie schüttelte ungläubig den Kopf darüber, dass sie nicht imstande gewesen war, die Wagentür zu öffnen, zu helfen, zu weinen, zu schreien. Es war wie ein Film, sagte sie, wie Bilder, die im Halbschlaf an dir vorbeiziehen.

Welcher Film, sagte Jakob, er nahm sie in die Arme, versuchte es zumindest, aber sie entwand sich ihm. Sie wollte nicht gehalten werden, nicht getröstet. Schließlich war sie es gewesen, die etwas Schlimmes angestellt, die sich versündigt hatte. Und wenn jemand getröstet werden sollte in dieser Geschichte, dann nicht sie. Vielleicht eine Mutter, ein Vater, ein Bruder, wer weiß. Erträglicher wäre es gewesen, Jakob hätte sie gescholten für das, was sie getan hatte, oder angeschrien. Auf irgendeine Weise hätte er ihr wehtun müssen, damit etwas abgegolten werde, aus ihrem Kopf verschwände oder zumindest leichter zu ertragen war.

Das verstehst du nicht, sagte sie.

Du hast doch keine Schuld, sagte Jakob.

Und was ist mit dem Buben, sagte sie.

Bestimmt ist ihm nichts geschehen, sagte Jakob.

Warum hat man mir nichts gesagt, sagte sie.

„Willst du nicht schlafen“, redete Jakob auf sie ein, leise und eindringlich, „morgen sehen wir weiter.“

Aber Marilyn wollte nicht wieder einschlafen, sie wollte wissen, was mit dem Jungen war, wollte ihn sehen, sich vergewissern, dass er lebte, dass es ihm gut ging. Irgendwann wollte sie wieder neben ihm herfahren, wollte ihm zusehen, wie er über den Lenker gebeugt in den Wind schnitt, ihm zuwinken, ihn davonfahren lassen.

„Wir werden uns erkundigen, morgen“, sagte Jakob. „Morgen werden wir uns erkundigen, wir werden zur Polizei gehen, zur Gendarmerie und fragen, was mit dem Jungen ist. Ich komme mit und du wirst alles wissen.“

„Zwei Gendarmen waren schon da“, sagte Marilyn, „im Krankenhaus, und haben mit mir geredet, freundlich, aber sie wollten mir nichts sagen.“

„Trotzdem“, sagte Jakob.

Er öffnete den Reißverschluss an Marilyns Jeans und zog ihr die Hose über die Beine. Der Slip rutschte mit, aber sie bemerkte es gar nicht. Jakob hieß sie ihre Arme heben und dann streifte er ihren Pullover über den Kopf. Marilyn wehrte sich nur kurz, redete weiter von der Polizei, die ihr etwas verschwieg, das Wichtigste verschwieg, aber dann legte sie sich doch zurück und ließ es zu, dass Jakob das Licht löschte, sie zudeckte und sich an ihren Rücken schmiegte.

„Du darfst mich nicht allein lassen“, sagte Marilyn.

Es klang, als würde sie mehr mit sich selbst reden als mit Jakob, und als dieser einen Moment mit seiner Antwort zögerte, sagte sie es noch einmal.

Ein sanfter Roman über die Liebe und die Verletzlichkeit unserer Seelen. Sepp Mall: Hoch über allem.

Ein sanfter Roman über die Liebe und die Verletzlichkeit unserer Seelen. Sepp Mall: Hoch über allem.

„Klar“, sagte Jakob, „niemals“, und dann blieb Marilyn still. Sie atmete im selben Rhythmus wie Jakob, er spürte, wie sich ihre Oberkörper aneinanderdrückten, wenn sie einatmeten, wie sie auseinanderdrifteten, wenn sie ausatmeten. Marilyns Atemzüge wurden länger und gleichmäßiger und bald hatte Jakob den Eindruck, dass sie schlafe.

Er drehte sich auf den Rücken, und dann wieder zur Seite, aber es gelang ihm nicht mehr, in den Schlaf zurückzufinden.

Irgendwann stand er auf, nahm sich eine Zigarette und setzte sich in den Sessel, der neben dem Fenster stand. In seinem Kopf drehte sich ein Gedanke in einer Endlosschleife, nein, es war nicht einmal ein Gedanke, es war nur ein Wort: Scheiße. Scheiße, was passiert war, scheiße, dass es Marilyn zugestoßen war und damit auch ihm. Und dabei wusste er gar nicht, was eigentlich genau geschehen war, und auch das war scheiße.

Der Rauch, der aus seinen Lungen kam, bohrte sich ins Halbdunkel des Zimmers, legte sich auf die Gegenstände in dieser Mietwohnung, auf die Kommode in der Ecke, auf die Kleidungsstücke, die auf dem Boden lagen, auf die leeren Gläser, auf ihr Bett, auf Marilyns Schlaf. Jedes Mal, wenn Jakob den Zigarettenrauch aus seinen Bronchien stieß, ergoss sich eine neue Welle über alles und hüllte es ein.

Einmal drehte sich Marilyn im Schlaf um, er hörte das Quietschen der alten Federkernmatratze und es schien Jakob, als tastete Marilyn auf der Bettdecke nach ihm, nach seiner Hand, nach seinem Körper. Gleich aber war es wieder ruhig.