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Von Südtiroler Klassenbüchern aus den 1930ern zum Roman. Gastbeitrag von Astrid Kofler

Astrid Kofler ist neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin auch Autorin von Reportagen und Filmdokumentationen. Als sie über Klassenbücher aus den 30ern stolperte, in der eine italienische Klassenlehrerin zur Zeit der Option im deutschsprachigen Südtirol ihre Arbeit dokumentiert, sprang der Funken über – und der Grundstein zum neuen Roman „Das Fliegen der Schaukel“ war gelegt. In diesem Gastbeitrag lässt die Autorin Sie teilhaben an der Entstehung eines Romans, der das Einzelschicksal einer Frau eng mit den großen politischen Umwälzungen in Südtirol verwebt.

 

Ada Torelli, eine junge Lehrerin, die etwas bewegen möchte

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So oder so ähnlich sah es aus, wo Ada Torelli unterrichtete. Foto: Privatarchiv

14. Februar 1936

Valentinstag. Heute lehrte ich die Schüler der ersten Klasse das Gedicht mit den Fingern. Den Kindern der anderen Klassen hatte ich in der Zwischenzeit einige Aufsatzthemen gegeben und sie gebeten, dazu etwas zu schreiben.
Ich kam zum Satz des kleinen Fingers, des dito mignolo: chi ruba va in prigione …
Ich erklärte ihnen, dass Gott alles sieht, er sieht es auch, wenn jemand etwas Kleines stiehlt, und sei es auch noch so klein. Es herrschte Stille in der Klasse und ich merkte, dass auch die großen Kinder aufgehört hatten zu schreiben und meinen Worten lauschten. Ich wollte sie in ihrer Konzentration nicht stören und verstummte selbst … Da hörte ich aus den hinteren Bänken ein unterdrücktes Schluchzen. Giuseppe, mein Kind, was ist denn, fragte ich. Und er, mit Tränen in den Augen: Signorina, heute früh habe ich die Zündhölzer gestohlen, die sich am Schreibpult befanden … Und in der Bank hinter ihm erhob sich Eriberto und sagte, den Blick voller Scham: Maestra, ich bin auch schuldig, ich war dabei … Und dann folgte eine Stunde der Beichte, einer nach dem anderen stand auf und erklärte schuldbewusst, was er getan hatte, der eine hat den anderen geschlagen, einer hat dem anderen das Heft beschmiert, einer hat dem anderen die Spitze des Bleistiftes abgebrochen. Ich war komplett verwirrt und hätte am liebsten selbst all das erzählt, was ich falsch gemacht habe in meinem Leben. Was tun mit diesen ehrlichen, aufrichtigen Dreikäsehochs? Es war zu traurig, sie nun einfach so stehen zu lassen, mit ihren Lebensbeichten, mit diesen kleinen Vergehen, die doch keine Vergehen waren, höchstens Lausbubenstreiche, mit ihren erröteten Gesichtern. Eine unendliche, unbeschreibliche Liebe überkam mich und ich ging zu Giuseppe und sagte: Liebes Kind, ich verzeihe dir diesen kleinen Diebstahl, und ich bin mir sicher, auch Gott hat dir dein Vergehen längst schon vergeben. Ich bin mir sicher, dass du in deinem Leben nie mehr so etwas tun wirst, dass du heute für dein ganzes Leben sehr viel gelernt hast.

Ada Torelli ist eine Lehrerin, die zur Zeit des Faschismus vom Latium in die neue Provinz Südtirol hinauf versetzt wurde, um Italienisch zu unterrichten – in jener Zeit war der Deutschunterricht an den Schulen im deutschsprachigen Grenzgebiet verboten. Gängig ist die Meinung, dass die Italienischlehrerinnen damals sehr regimetreu waren und kaum Verständnis aufbrachten für die Bergbauernkinder, die barfuß und in Holzklumpen, mit Schürze und schmutzigen Fingernägeln, dem Geruch nach Kühen und Stall in die Schule kamen.

Zeitgenössisches Bild einer Schulklasse, der Unterricht fand nun auf Italienisch statt. Foto: Privatarchiv

Zeitgenössisches Bild einer Schulklasse, der Unterricht fand nun auf Italienisch statt. Foto: Privatarchiv

Im Zuge meiner Tätigkeit als Autorin von Reportagen und Filmdokumentationen, die sich vor allem um die einfachen und alltäglichen Momente drehen, um Menschen am Berg und ihre harte Arbeit, um Zeitgeschichte und darum, wie große Geschichte kleine Lebensgeschichten prägen kann, hatte ich das Glück, Klassenbücher aus den 30er Jahren mit Eintragungen einer Italienischlehrerin zu finden, die durchaus ein Interesse am Leben dieser Kinder und den Bergbauernfamilien hatte und sich viele Gedanken über das Schulsystem an sich machte, die vom heutigen Standpunkt aus pädagogisch höchst modern sind. Sie ist traurig darüber, dass ihre Schulkinder und sie es – aufgrund der Vorurteile beider Seiten – nicht schaffen, einander näher zu kommen. Sie verzweifelt fast, als im Jänner 1940 nur mehr ein einziges Kind in ihrer Klasse sitzt, die Eltern ihrer übrigen Schüler haben sich im Dezember 1939 im Zuge der Option und des Abkommens zwischen Hitler und Mussolini für die Auswanderung ins Deutsche Reich entschieden.

Der Hügel, auf dem Ada immer saß … Foto: Astrid Kofler

Diese Klassenbücher wurden zum Anlass, sozusagen zur Initialzündung dieses zweiten Romans, der, wie schon Lebenskörner vor einigen Jahren, auf Details aus dem Alltag zurückgreift, die ich als Journalistin und Filmemacherin erfahren und sehen durfte. So vieles zeigt sich bei der Begegnung mit Menschen, das in einer Reportage von 45 Minuten oder in einem Text von maximal zwölf Seiten nicht gesagt werden kann. Natürlich, Bilder haben eine andere Sprache und können vieles erzählen, das Worte nicht übermitteln können. Trotzdem oder deshalb ist es mir Bedürfnis und Herausforderung (zu Bildern im Kopf) zu schreiben, auch wenn dies nur in Nächten, Ferien und an kinderfreien Wochenenden möglich ist. Schreiben ist Rückzug, ist ein Sich-Wegsperren von der Außenwelt, auch wenn diese Außenwelt mit ihren Figuren immer wieder ins Innere drängt. Dieses Alleinsein mit der Geschichte, und damit auch mit mir, ist gut und manchmal anstrengend zugleich, vor allem aber – wenn ich schreiben darf, wo es ruhig ist und umgeben von Natur – ist dieses Schreiben berauschend.

Die Lehrerin, deren Einträge ins Klassenbuch mich so begeisterten, habe ich nicht gefunden, wahrscheinlich ist sie nach dem Krieg wie die meisten anderen Italienischlehrerinnen in den Süden zurückgekehrt. Somit ist der Roman ein halbfiktiver, wenn man ihn so nennen darf, die Übersetzungen sind zum Großteil wortwörtlich, die Geschichte drum herum und weit über sie hinaus ist erfunden. In Paliano, dem Heimatdorf der Titelgestalt, durfte ich dank eines Stipendiums vom Bundesland Tirol/Österreich im Sommer 2015 ein Monat recherchieren. Im Sommer 2016 weilte ich nochmals im Latium, um die Orte des Geschehens ein zweites Mal zu besuchen.

 

Die Geschichte einer starken Frau

Sie lief an und warf das Gewicht vor und zurück. Der Baum stand vor dem Abhang und ihr war, als würde das Herz mit ihr fliegen, sie sah das Land unter sich und den Himmel über sich, sie sah die Sonnenblumen, die sich nach dem Licht richteten und bald gemäht würden.
Sie spürte, wie sich die von der Hitze an der Kopfhaut klebenden Haare lösten und hörte das Blöken der Schafe und auch das Singen der Zikaden nicht mehr, die sich in den umliegenden Pinien versteckten und jammerten unter der Hitze der Sonne. Sie hörte die Tauben nicht, die auf den Freileitungsmasten neben dem Weizenfeld saßen und gurrten, sie hörte auch nicht die bellenden Jagdhunde des Nachbarn, die im engen Verdeck darauf warteten, endlich hinauszudürfen, sie vergaß den Feigenbaum, war glücklich und fühlte eine Freiheit, die sie so noch nie verspürt hatte.
Und sie hörte auch die Brüder nicht, die ungeduldig wurden und endlich auf die Schaukel wollten. Sie sah Francesco erst zu spät, als er sich ihr in den Weg stellte, um sie zu bremsen. Ausstellen konnte sie nicht, um ihn nicht umzustoßen, ließ sie sich fallen, schlug sich den Ellbogen wund und fühlte das Krachen des zurückschnellenden Holzbrettes auf ihrer Schläfe. Unsicher richtete sie sich auf und setzte sich gleich wieder hin, legte sich flach auf den Boden und dachte lange nichts.
Abends ging sie in die Küche, um dem Vater nochmals danke zu sagen und der Mutter die Fingernägel zu zeigen, die sie sorgsam geputzt hatte. Der Vater erzählte, dass die Tochter seines Bruders im Herbst in den Norden ginge. Im Norden des Landes gäbe es Menschen, die eine andere Sprache sprechen.

1948 heiratet sie, 1960 ist sie Witwe. Fast alle Menschen, die ihr begegnen, orientieren sich an Personen, die es wirklich gab. So auch ihre Schwester Gina, die 1945 nach England geht, um einen alliierten Soldaten zu heiraten, den sie in Paliano kennengelernt hat. Adas Mann kommt als Architekt für das faschistische Bozen in den Norden.

Am Ende ist Ada im Altersheim, es ist das Jahr 2000, ein einziger Tag im Januar, an dessen Abend sich ihr Leben ändert und sie sich an den Flug der Schaukel und ihren Lebenstraum erinnert.

Die Autorin Astrid Kofler. Foto: Anna Conca

Die Autorin Astrid Kofler. Foto: privat

 

Authentisch durch exakte Recherche

Vor Ort recherchierte historische Ereignisse durchziehen die Handlung. Es wird viel vom Faschismus erzählt, über den Großvater von Ada, der es vom armen Fischer in Terracina zum Grundbesitzer in Sabaudia schafft (1934 in nur 250 Tagen aus den pontinischen Sümpfen erbaut), von Balilla und Piccole Italiane.

Es geht um die Dörfer im Latium, die immer verlassener werden und in die Ada jeden Sommer zurückkehrt. Es geht dazu im Vergleich auch um Volkstraditionen, um Prozessionen und alte Bräuche in Südtirol, die sich von jenen 700 km südwärts im Grunde kaum unterscheiden. Es geht um die Gemeinsamkeiten, die Fahnen der Stadt Paliano tragen dasselbe Rot-Weiß wie jene von Südtirol.

Das Kino spielt eine große Rolle und auch die Erziehung bei den Ordensschwestern in Rom, alte Rollenmuster und Glaubenssätze, von denen sich Ada im Laufe des Lebens befreit. Der Roman ist auch ein wenig Entwicklungsroman. Ihre besten Dialogpartner sind ihr Bruder Vito, Priester in Palestrina, und Anis, ein Sinto aus einer Familie, die seit Jahrhunderten immer wieder in Südtirol ihr Lager aufschlägt und dem Konzentrationslager entkommen konnte. Adalernt ihn während eines Auftrittes bei einem Dorffest kennen, später wird sie – pensioniert – bei der Gründung der Sinti- und Roma-Schule in Bozen dabei sein.

 

Sie wäre damals am allerliebsten mit den fahrenden Gesellen mitgegangen. Das war so absurd, dass sie zu jener Zeit gar nicht daran gedacht hätte, es sich wirklich zu überlegen. Es war ein Gedankenblitz, und das blieb er. Auf ihn folgte ein Donner und dann war es wieder still. Aber wie anders wäre dann ihr Leben verlaufen.
Die Clowns erinnerten sie daran, an diese Möglichkeit. Deshalb wollte sie nicht mit ihnen spielen. Deshalb saß sie abseits und sah zu. Sie sah ihnen immer zu, wenn sie kamen. […]
Diese Farbtöpfe schienen in Carla nichts zu bewegen. Sie starrte hinein und durch sie hindurch, sie starrte auf das Blatt Papier, das weiß bleiben wollte.
Links von ihr am Tisch saß Lucia, die zerkrümelte das Blatt Papier wie ein Tempotaschentuch, zerkrümelte es und knetete, bis es von der Feuchtigkeit der Hände zu zerbröseln begann, es war ein Aquarellpapier, faserig und bereit, das Nass zu speichern. Als sie endlich einen runden Ball aus dem Papier gezaubert hatte, oder etwas, das so aussah wie ein Ball, begann sie still zu weinen und tupfte das Papier gegen die Augen.
„Ich muss hinaus zum Bus“, sagte Oda rechts von ihr.
„Ich muss hinaus, mein Mann wartet, er holt mich ab, damit wir heimfahren.“
„Komm, gehen wir ins Zimmer“, sagte die Pflegerin, „komm Oda, wir schauen uns an, was du anziehen könntest, um deinem Mann zu gefallen. Wir könnten ein schönes Kleid heraussuchen, es bügeln, und ich könnte dich schön machen für ihn.“ Sie wusste, dass Oda bis dahin ihren Mann, der nicht wartete, wieder vergessen hatte.
Carla hatte mit halbem Ohr zugehört, ein Wort hatte sie aufgefangen. Plötzlich lächelte sie und tauchte den Pinsel in die rote Farbe und sorgfältig und mit unglaublicher Ruhe begann sie, sich die Farbe auf die Fingernägel zu malen.
Astrid Kofler: Das Fliegen der Schaukel„Ihr habt zu viel von den Gästen verlangt“, sagte ein Pfleger zu den Clowns. Das Malen habe sie überfordert, sie würden es nicht kennen aus ihrer Kindheit. „Farben waren damals rar“, sagte er, „ihr könntet Stan und Olli spielen das nächste Mal, den Slapstick kennen sie aus dem Kino, dem ersten Fernsehen, damit sind sie älter geworden, das kennen sie und da müssen sie lachen. Das würde ihnen gefallen, wenn ihr zwei streitet, euch gegenseitig schlagt. Dick und Doof.“
Ada hörte zu und sagte nichts. Sogar ihr ernster Temistocle konnte herzhaft lachen, wenn er Stanlio e Ollio sah. Sie hatte diesem Humor lange nichts abgewinnen können.
Sie sagte laut zum Pfleger gewandt: „Sehen Sie doch, welch wunderschöne Fingernägel Carla hat, wie schön sich Carla heute gemacht hat. Wie glücklich sie ist.“

 

Ein authentisches Porträt des Lebens in den Südtiroler Bergdörfern ist es, das Astrid Kofler zeichnet. Basierend auf unzähligen Interviews mit ZeitzeugInnen ermöglicht sie einen Einblick in das Leben der Südtiroler Dorfbevölkerung zur Zeit des Faschismus. Sie erzählt vom Alltag der Kinder, die oft schon mit 14 Jahren die Schule verlassen mussten, um daheim mitzuarbeiten. Sie erzählt von der Spaltung von Gemeinschaften, die durch die Option entstanden ist. Und sie erzählt von Bräuchen und Traditionen in Südtirol und Mittelitalien, von Religion und vom Leben der Roma und Sinti während der Zeit des Faschismus. Gleichzeitig wirft sie Licht auf eine der einschneidendsten Phasen der Südtiroler Geschichte. Alle Infos zu „Das Fliegen der Schaukel“ finden Sie hier!