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Der Holunderkönig: Von einem, der auszog Peter Handke zu treffen

Rolf Steiner, geboren 1951 in Köln, arbeitet als Schriftsteller und Bildender Künstler sowie als Grenzgänger (Schrift-Steller) zwischen Wort und Bild. "Der Holunderkönig" zeichnet seine über zehn Jahre dauernde Annäherung an Peter Handke und dessen Werk nach. Foto: Fotowerk Aichner

Rolf Steiner arbeitet als Schriftsteller und Bildender Künstler sowie als Grenzgänger (Schrift-Steller) zwischen Wort und Bild. „Der Holunderkönig“ zeichnet seine über zehn Jahre dauernde Annäherung an Peter Handke und dessen Werk nach. Foto: www.fotowerk.at

Ein Mann bricht eines Morgens nach Chaville nahe Paris auf, um das Haus von Peter Handke, für den er schon lange schwärmt, zu finden. Er fragt in der örtlichen Buchhandlung nach und im Rathaus, zieht Häuser in die engere Wahl und kehrt in Bistros ein, in denen er sich Handke vorstellen kann. Seine Suche, grundiert mit Reflexionen über dessen Werk, mündet in einen Bericht, den er dem verehrten Schriftsteller eines Tages im Frühjahr hinter sein Gartentor stellt. Dieser Mann ist der Schriftsteller und Künstler Rolf Steiner, der sich in seinem Buch „Der Holunderkönig“ auf Spurensuche begibt. 

Mit diesem Ausschnitt aus seiner Neuerscheinung beginnt eine unterhaltsame, spielerische und klug erzählte Reise in die Welt des Peter Handke:

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Chaville ist ein kleiner Ort am südwestlichen Rand von Paris, zwischen Sèvres und Versailles gelegen. Heute, es ist der 17. August 2006, werde ich dorthin fahren, um ihn zu treffen, ihn, der mir in den letzten Jahren zu einem geistigen Begleiter geworden ist. Wo ich ihn treffe, steht noch nicht fest, das überlasse ich dem Zufall, oder dem Schicksal, je nachdem, wie man den Lauf der Dinge betrachtet. Auf jeden Fall sollte ich sein Buch, das er über die Gegend dort, die Niemandsbucht, wie er sie zu nennen pflegt, geschrieben hat, mitnehmen, als eine Art Talisman, der die an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit eines Treffens zu einer hundertprozentigen macht (ja, so könnte man es ausdrücken: eine hundertprozentige Wahrscheinlichkeit). Auch einen Regenschirm sollte ich mitnehmen, seit Tagen herrscht in Paris das reinste Aprilwetter, und das im August. Zwar scheint früh morgens die Sonne, aber das will nicht viel bedeuten, denn wenig später bezieht sich der Himmel, und spätestens mittags, nach der ersten Schreibschicht, wenn ich mein Atelier in der Cité des Arts verlasse und um die Ecke in der rue Saint-Antoine oder im angrenzenden jüdischen Viertel einen Kaffee trinken gehe, beginnen die Regenschauer.

Ich mag die Spaziergänge durch die Pariser Straßen, in denen es so viel zu entdecken gibt. Letztens habe ich neben der Klingel eines „Kinésithérapeute“ (was immer sich hinter dieser Therapie verbergen mag) ein Sgraffito gesehen, das schablonenhafte Portrait Sigmund Freuds in gesprühten Pastellfarben, Freud im blauen Anzug in lässiger Haltung mit einer Zigarre in der linken Hand. Dienstags und sonntags dehnen sich meine Gänge bis hin zur Bastille und zum Markt auf dem Boulevard Richard-Lenoir, wo ich mir meist ein paar Doraden hole, ein köstlicher und preisgünstiger Fisch, dazu noch eine Augenweide – aber von meinen Streifzügen durch die Pariser Straßen soll jetzt nicht die Rede sein, es geht um meinen Besuch in der Vorstadt. Schon seit langem, seitdem ich das Buch Mein Jahr in der Niemandsbucht gelesen habe, wollte ich nach Chaville fahren, und von Anfang an war dieser Wunsch von der fixen Idee begleitet: Wenn du nach Chaville fährst, dann wirst du ihn auch dort treffen; wenn ich da bin, wird auch er da sein! Dieses Bedingungsgefüge glich einer unumstößlichen Wahrheit, zumindest stand es für die Herausforderung, das Unmögliche möglich zu machen, das Schicksal zu zwingen. Eine Art magischen, kindlichen Denkens – was ich will, vorausgesetzt, ich will es mit allen Fasern meines Körpers, das wird geschehen – ließ meine Hoffnung zur Gewissheit werden, dass sich im Lauf dieses einen, auf den Straßen von Chaville zu verbringenden Tages unsere Wege kreuzen würden. (Hatte mir das Schicksal nicht schon einmal ein solches Über-den-Weg-Laufen beschert, damals, als ich Herbert Achternbusch in Stupa, einem kleinen griechischen Fischerort südlich von Kalamata, getroffen und kennengelernt hatte? Freilich mit dem Unterschied, dass ich zuvor nicht einmal im Traum daran gedacht hatte.)

Nun ist es so weit, der Tag ist gekommen, und ich stehe da mit leeren Händen, habe weder seine Adresse noch Telefonnummer. Wunderbar. Vor mir liegen die Niemandsbucht und ein freier Tag, dem die Aussicht auf das irgendwann (bis vierundzwanzig Uhr) stattfindende Rendezvous einen besonderen Glanz verleiht. Alles, was ich zu tun habe, ist, mich in den Straßen und Cafés von Chaville zu zeigen und so dem Schicksal die Möglichkeit einzuräumen, ein Treffen zu arrangieren. Wie sagte noch Picasso? Ich suche nicht, ich finde.

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Portrait des Hirten als in die Niemandsbucht vertiefter Buchvertiefer"

Portrait des Hirten als in die Niemandsbucht vertiefter Buchvertiefer“.
Das Portrait ist Teil der Ausstellung: Rolf Steiner „Der Hirte der Illusion – 144 fotografische Selbstportraits“, die soeben in der Moltkerei Werkstatt in Köln zu sehen war.

 

Möge es den Lesern meines Buches so ergehen wie mir, als ich „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ von Peter Handke las: Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen und besorgte mir einen Blindenstock, um auch auf der Straße während des Gehens lesen zu können.

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Die Allee der Lebensbäume ist noch dunkler, als ich sie in Erinnerung habe. Mit ihrem schwarzen Geäst bilden sie ein fast lichtundurchlässiges Gewölbe, man könnte auch von einem Tunnel sprechen. Umso heller leuchtet das blaue Gartentor an seinem Ende. Beim Näherkommen sehe ich, dass ein Zettel am Tor hängt. 20 Minuten Verspätung. Bitte schon einzutreten. P. H. steht da mit Kugelschreiber geschrieben auf einem ausgeschnittenen Papier, das mit Tesafilm an das Tor geklebt ist. Sogleich fallen mir die zwei Worte ein, die H sich für seinen Grabstein ausgesucht hat: ‚Bin hinten‘.

Ich drücke vorsichtig das Tor auf. Niemand da. Wunderbar, die Wartezeit ist also um zwanzig Minuten verlängert, erhält nach dem Marktplatz ein weiteres Vorzimmer, den Garten. Ich gehe ein paar Schritte und schaue mich um. Erster Eindruck: ein Garten, der das rechte Maß hat zwischen Wild- und – wie lautet das Gegenteil – Hauswuchs? Und dem ebenfalls ein angenehmes Maß zwischen Weitläufigkeit und Enge eignet, jenes Maß, das eine Enklave auszeichnet und das dem Bewohner genug Ausgang (Raum für Anflüge) bietet. Wo mag die Baumschattenwand sein?

Haushohe Thujahecken schirmen an verschiedenen Stellen das Grundstück gegen die Nachbarn ab, und dort, wo sie nicht aufragen, übernehmen größere Bäume das Abschirmen. Dadurch wirkt der Garten wie ein grünes, weniger hermetisches als luftiges Behältnis. Auf der vorderen Rasenfläche sind zwei Tische und mehrere Stühle verteilt, die aussehen, als stünden sie seit Anbeginn dort, seit das Haus in den zwanziger Jahren gebaut wurde. Auf den Tischen liegen Kugelschreiber, deren Halter, metallen schimmernd, das Licht reflektieren. Einem Stuhl fehlt eine Planke in der Sitzfläche, ein anderer ist mürbe von Wind und Wetter, ein dritter ragt, halb zugeklappt, in das Blattwerk eines Buschs hinein, als trachte er danach, eins zu werden mit ihm, zumindest im Dickicht seine letzte Ruhestätte zu finden.

Ich setze mich an den dem Eingang zunächst stehenden Tisch, auf dem ein paar Esskastanien liegen, und betrachte das Haus, wie es inmitten dieses grünen Behältnisses steht. Aus Hochparterre, erstem Stock und einem Mansarddach bestehend, ist es aus dem für die Pariser Bucht typischen gelblichen Sandstein gemauert, der, porös wie Lava, den Mauern eine lebendige Oberfläche verleiht. Es ist ein solides Haus, von kräftiger Statur, dessen Vorbauten und Erker ihm eine robuste Eleganz verleihen.

Und nun sitze ich tatsächlich in H’s Garten, in den ich vor zehn Jahren das erste Mal blickte und der mir damals unerreichbar schien. Und ein Strom von Bildern aus der Vergangenheit beginnt an meinem geistigen Auge vorüberzuziehen:
wie ich durch die Straßen von Chaville wanderte auf der Suche nach seinem Haus, wie der unvermittelte Anblick der dunklen, zu seinem Haus führenden Allee schlagartig ein tief in mir vergrabenes Bild wachrief, wie ich das Manuskript des Holunderkönigs hinter das Gartentor stellte, welch unbändige Freude ich empfand, als ich zwei Wochen später seinen Brief in Händen hielt, und welche Enttäuschung, als er meinen Brief, in dem ich fragte, ob ich ihn einmal besuchen dürfe, jahrelang unbeantwortet ließ. All das geht mir jetzt sekundenschnell durch den Kopf, und doch sitze ich irgendwie gelassen
da, oder vielleicht auch wie betäubt vom bedeutungsvollen Moment und gleichzeitig durchströmt von einer stillen Genugtuung, dass Wunder möglich sind, sie lassen sich nur etwas Zeit. Kurz will sich ein Bedauern darüber, dass ich keinen Fotoapparat mitgenommen habe, bei mir einschleichen, aber es stammt aus weit zurückliegender Zeit und schafft es nicht bis in die Gegenwart. Nicht mal im Traum würde es mir einfallen, meinen stillen Platz zu verlassen und, indem ich das Objektiv auf meine Umgebung richtete, das Einverständnis mit ihr aufzukündigen. Abgesehen davon: Wie peinlich wäre es, wenn der Besitzer mich in flagranti, mit dem Finger am Auslöser, erwischen würde: Sind Sie von der Polizei? Ist das hier ein Tatort? Ist ein Mord geschehen? Lassen Sie Haus und Garten in Frieden, rühren Sie meine Stillleben nicht an mit Ihrem Objektiv, Sie kleinkalibriger Schnappschießer! – Nein, ich bin unbewaffnet gekommen, als Gärtner, nicht als Jäger (Thomas Bernhard).

Ich stehe auf, gehe ein Stück im Garten auf und ab und spüre wahrlich an Leib und Seele, wie wohltuend es ist, vom Zwang des fotografischen Blicks befreit zu sein und dem Vermögen, sich die Umgebung einzubilden, zu vertrauen.

In den hinteren Teil des Gartens, also hinter das Haus zu gehen, wage ich nicht. Stattdessen kehre ich zum Tisch zurück, und auf dem Weg dorthin entdecke ich den kleinen Nussbaum, von dem H mir geschrieben hat. Seine Knospen sind noch geschlossen, die Blätter noch nicht geschlüpft.

Eine Taube bewegt sich flügelschlagend durchs Geäst, in welchem Baum, ist im Gegenlicht nicht genau auszumachen. Ich nehme das Messer und beginne, eine Esskastanie zu schälen. Die Schale, selbst die innere Haut, lässt sich vom weißen Fruchtfleisch gut ablösen. Erstaunlich, dass die Esskastanie, obwohl sie schon einen Winter überdauert hat, noch so frisch und knackig ist. Während ich sie auf der Zunge zergehen lasse, stelle ich mir vor, H mit einer besonderen Geste auf seinem Terrain zu empfangen: Ich sitze am Tisch, habe den Kopf in die rechte Hand gestützt, lese in der auf dem Tisch liegenden Baumschattenwand*, bekomme gar nicht mit, dass das Gartentor aufgeht, H seinen Garten betritt und den Leser erblickt.

* Peter Handke: Vor der Baumschattenwand nachts. Zeichen und Anflüge von der Peripherie, 2007-2015

 

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Rolf Steiner: Der Holunderkönig

Rolf Steiner: Der Holunderkönig

Spurensuche in Chaville

Rolf Steiners schwärmerische Geschichte rankt sich um das klassische Thema vom „Traum, der Wirklichkeit wird“ und erstreckt sich über einen Zeitraum von zehn Jahren. Freundlich und klug, spielerisch und sanft gestaltet Rolf Steiner seine Reise in die Welt des österreichischen Autors: eine umsichtige und gleichzeitig leidenschaftliche Annäherung, die mehr ist als eine Suche nach dem Niemandsbuchtler, dem Holunderkönig – es ist eine Liebeserklärung an die Literatur und die Kunst überhaupt.

Und es ist ein wunderbares Buch für Anhänger einer vergangenen analogen Welt, in der man noch voller Aufregung Briefe öffnet und sich über die Pilz- oder die Walnussernte austauscht.