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Leseprobe: Vom Bauernbub zum gefeierten Volksdichter. Felix Mitterer erzählt sein bewegtes Leben

Geboren als dreizehntes Kind einer Kleinbäuerin, wird der kleine Felix Mitterer von dieser an die beste Freundin „verschenkt“: Die eine hat schon genügend Kinder, die andere kann keine bekommen – ein guter Deal. Das Aufwachsen ist dennoch hart: ärmlich und von der Hilflosigkeit der aggressiven Adoptivmutter geprägt. Als ein Film im Heimatdorf gedreht wird, riecht der Heranwachsende den Ausweg 

Wie kaum jemand sonst versteht Felix Mitterer es, ungewöhnliche Schicksale dramaturgisch in Szene zu setzen. Sein Blick gilt oft den Außenseitern, den sozial Randständigen und jenen, die Mut beweisen und gegen den Strom schwimmen. Heute säumen unzählige Erfolge in Theater und Fernsehen Felix Mitterers Weg, darunter die TV-Serie „Piefke-Saga“ sowie die Stücke „Kein Platz für Idioten“, „Stigma“, „Sibirien“ oder zuletzt „Jägerstätter“, die verschiedentlich Aufsehen erregten. Hinzu kommen die Drehbücher zu einigen der beliebtesten österreichischen „Tatorte“. Seine Stücke zählen zu den meistgespielten in Österreich.

Was ihn antreibt im Schreiben und im Leben, was schmerzhaft war und was schön – davon spricht Felix Mitterer erstmals in seiner Autobiographie, die offenherzige Einblicke in die Zeit der Kindheit und des Heranwachsens erlaubt. Hier gibt es bereits vorab eine erste Kostprobe des spannenden Werkes.

 

Leseprobe aus Felix Mitterers „Mein Lebenslauf“

Mütter und Väter

Meine Mutter Adelheid Marksteiner wurde am 17. Juli 1911 im Unterinntaler Bergdorf Brandenberg als Bauerntochter geboren. Sie kam später als Landarbeiterin nach Achenkirch und brachte 1940 das erste Kind zur Welt. 1942 heiratete sie den verwitweten Kleinbauern Karl Lamprecht, der zwei Kinder mit in die Ehe brachte. 1943 und 1944 gebar sie je eine Tochter. Karl Lamprecht starb im August 1945 in jugoslawischer Kriegsgefangenschaft.

Adelheid war sehr schön und vielbegehrt. Am 6. Februar 1948 kam ich infolgedessen zur Welt. Zur Auswahl standen drei Väter. Einer wollte es unbedingt sein, und so ließ ihm Adelheid den Willen. Zusammenleben tat sie aber bald einmal (und bis zu seinem Tod) mit einem Johann Prem, von dem sie im Laufe der Zeit noch sechs Kinder empfi ng, vier kamen lebend zur Welt; als das letzte kam, war sie 45 Jahre alt.

Eine Zwillingsschwester hätte ich gehabt, die starb aber bei der Geburt. Anwesend neben der Hebamme war eine Landarbeiterin namens Juliane Mitterer, geborene Schneeberger, die beste Freundin von Adelheid, zu dieser Zeit in Achenkirch bei einem Bauern beschäftigt. Es war abgemacht, dass sie mich bekommt. Irgendwann stand fest, dass es Zwillinge werden, auch für das zweite Kind war dann schon ein Platz gefunden. Heißen sollten wir Adam und Eva, hatte meine Mutter beschlossen. Eva lebte aber jetzt nicht mehr, was zu langwierigen Überlegungen betreffs meines Namens führte, denn Adam ging ja nun wohl nicht mehr. Die Freundin Julie band meiner verstorbenen Schwester eine rote Masche in die schwarzen Locken, packte sie in einen Schuhkarton und stellte sich damit beim Lebensmittelgeschäft an. Alle bewunderten das schöne tote Kind im Schuhkarton. Es wurde dann angeblich vom Totengräber in den Sarg eines verstorbenen Erwachsenen geschmuggelt, weil ihr als ungetauftem Menschenkind kein christliches Begräbnis in geweihter Erde zustand. (Später tagträumte ich oft, meine Schwester und ich würden uns zufällig im Zug treffen, würden uns ineinander verlieben und heiraten, würden draufkommen, dass wir Geschwister sind und dennoch zusammenbleiben.)

Geboren wurde Julie am 20. Juni 1917 in Schwendau im Zillertal, ihre Eltern waren Kleinhäusler, der Vater starb früh. Mit neun Jahren kam sie bereits als Landarbeiterin zu einem Bergbauern. Einmal – sie war mondsüchtig – ging sie in einer Winternacht barfuß im Nachthemd durch den Schnee nach Hause, ins Tal. Bei Vollmond nagelte man in Zukunft die Fensterbalken zu. Einmal prügelte sie einen Mitschüler blutig, weil er sie wegen ihrer roten Haare ständig aufzog. Oftmals musste die sture kleine Julie die Hände ausstrecken, und die unterrichtende Klosterschwester schlug mit dem Stock zu. Da rieb Julie ihre Hände eines Tages mit Salz ein, worauf sie unförmig anschwollen. Der Schuldirektor sah es, die Klosterschwester kam weg.

Anfang der 1930er Jahre, im Sommer auf der Alm, wollten sie zwei hungrige Arbeitslose überfallen, hatten es auf die Käselaibe abgesehen. Durch die geschlossene Hüttentür schoss sie mehrmals mit einer Pistole, einen der Räuber traf es ins Bein, sie verzogen sich jammernd. In diesen schlimmen 30er Jahren, als die Not sehr groß war und keine Arbeit, da geschah es auch, dass die junge Julie Sozialistin wurde und es bis zu ihrem Lebensende blieb. Das kam daher, dass die Mutter mit ihren Kindern ins Gemeindeamt ging und dem Bürgermeister ihre Not klagte; sie und ihre Kinder seien am Verhungern. Da sagte der Bürgermeister: »Geh in’ Wald und tu dir a Pech zamm, des brutzelt a schön in der Pfannen.« Meine Adoptivmutter konnte das nie vergessen, hat es mir oft erzählt.

Als Julie mit 18 schwanger wurde, band sie ihren Leib derart ab, dass die Mutter bis kurz vor der Geburt nichts merkte. Dann aber wurde sie von der Mutter gezwungen, den Kindsvater zu heiraten. Das Kind war von Geburt an in einem schlechten Zustand und starb im zweiten Lebensjahr. Der Mann schlug seine Frau ständig, stieß sie im schwangeren Zustand die Stiege hinunter, das zweite Kind starb, dann eine Bauchhöhlenschwangerschaft, Operation, sie kann nie mehr Kinder bekommen. In der NS-Zeit wurde sie von ihrem Mann geschieden, weil er »asozial und lungenkrank« war.

1947 heiratete Julie in Achenkirch den Landarbeiter Michael Mitterer, der zu dieser Zeit am bischöflichen Gut als Rossknecht beschäftigt war. Er stammte aus Kitzbühel, geboren 1895, Sohn einer Tiroler Landarbeiterin und eines italienischen Hausierers, als Ziehkind – behandelt wie ein leiblicher Sohn – beim »Exenwoader«-Bauern in Kitzbühel aufgewachsen. Er war ein fescher Mann, ein Paradetiroler, sah viel jünger aus als er war, sah wie aus, galt in seiner Jugend als der beste Glockenläuter in der Pfarrkirche von Kitzbühel, war von 1904 bis zu seinem Tod 1976 Mitglied der Blasmusikkapelle, wurde von den Fremdengästen sehr gerne in seiner schönen Tracht fotografiert, verachtete die »Tschinggeler« (die Italiener), kämpfte im 1. Weltkrieg gegen sie, vielleicht auch gegen seinen Vater.

Michael wünschte sich sehnlich Kinder, aber Julie konnte keine mehr bekommen. Da die »Kriegerwitwe« Adelheid einfach nicht noch mehr Mäuler durchzufüttern in der Lage war, wurde ich also an das Mitterer-Ehepaar verschenkt, so hatten beide Teile etwas davon. (Trotzdem hat Michael der Julie nie verziehen, dass sie keine eigenen Kinder bekommen konnte, hat ihr nie zum Muttertag gratuliert, was sie schmerzte.) Mit meinen Zieheltern kam ich – wahrscheinlich Ende 1948 – in die Gegend von Kitzbühel und Kirchberg, wo wir im Laufe der Jahre von einem Bauernhof zum anderen zogen. Der häufige Wechsel kam daher, dass meine rabiate Mutter sich oft mit dem Bauern oder mit der Bäuerin zerstritt und dann den Dienst wechselte; mein Dati trottete notgedrungen hinterher. Es gab dann aber auch wieder Versöhnung und Rückholung, denn meiner Mutter tat ihr Aufbrausen leid und die Bauern wollten auf die tüchtige Frau, die so gut mit den Tieren umgehen konnte, nicht verzichten. Meistens arbeiteten meine Zieheltern am Pöllhof im Weiler Gundhabing, gelegen zwischen Kitzbühel und Kirchberg, wechselten dann bei allfälligem Streit über die Straße zum benachbarten Neuhauser-Bauer, zerstritten sich mit dem auch wieder und kehrten reumütig zum Pöllhof zurück.

Übrigens sah (und sieht) dieser Hof nicht wie ein typischer Unterinntaler Bauernhof aus und war ursprünglich auch nicht als solcher gedacht. Seit 1858 bestand eine Bahnlinie, die den Osten Österreichs mit Tirol verband, führte aber von Salzburg über das bayerische Rosenheim nach Wörgl. Auf Grund von Spannungen mit Bayern wurde 1873 die Tiroler Bahn von Salzburg über Sankt Johann im Pongau und Kitzbühel nach Wörgl gebaut. Da die Kitzbüheler Bürger (wohl in erster Linie die Frächter) in Kitzbühel keinen Bahnhof erlauben wollten, plante man einen solchen in Gundhabing. Ein Spekulant errichtete dort daher ein riesiges, dreistöckiges Steingebäude, das als Hotel dienen sollte. Schlussendlich wurde der Bahnhof aber doch in Kitzbühel gebaut, und das Gebäude in Gundhabing hatte als Hotel keinen Sinn mehr. Ein Großbauer erwarb es ziemlich günstig, baute hinten einfach einen ebenso riesigen Stall und darüber die Tenne an, und fertig war der Superbauernhof. Seit ein paar Jahren wird es jetzt als nobles Appartementhaus für Touristen betrieben, wurde also doch 140 Jahre später seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt, nun auch mit einem Golfplatz. Zu meiner Kindheit aber war es der wohl größte Bauernhof und landwirtschaftliche Betrieb Tirols.

Die Mutter diente dort als Stalldirn, betreute mit anderen Knechten und Mägden an die siebzig Kühe und viele Kälber, der Vater diente als Rossknecht, was das Pflügen, Eggen und Ansäen des Getreides sowie auch seine Ernte mit einschloss, ebenso die Mithilfe bei der Heuarbeit im Sommer. Im Winter schlägerte mein Dati, wie ich ihn nannte, mit anderen Knechten riesige Bäume im Wald oben, entastete und entrindete sie, brachte sie dann auf einem Schlitten in rasender Fahrt zu Tal, dass der Schnee nur so staubte. Als Bremsen dienten Steigeisen an den Schuhen und zwei links und rechts eingehängte Sapine, die mit den Händen betätigt wurden. Ich bewunderte meinen Dati sehr für diese lebensgefährliche Arbeit, die er so bravourös meisterte.

Die fesselnde Autobiographie des beliebten österreichischen Volksdichters Felix Mitterer: Mein Lebenslauf.

Die fesselnde Autobiographie des beliebten österreichischen Volksdichters Felix Mitterer: Mein Lebenslauf.

Der Mann, der unbedingt mein Vater sein wollte, zahlte brav die Alimente. Als er merkte, dass Adelheid wirklich nichts mehr von ihm wissen wollte, trug er sich mit dem Gedanken, ins Wasser zu gehen, suchte sich aber dann doch stattdessen eine andere Freundin. Diese forderte ihn bald auf, eine Blutuntersuchung der möglichen Väter zu beantragen, weil es sie ärgerte, dass er Alimente zahlen musste, wo man doch wisse, wie es die Adelheid treibe. Das Gericht untersuchte das Blut der möglichen drei Väter und auch meines; keiner der drei Männer kam in Frage. Daraufhin stellte der Wunschvater seine Zahlungen ein, schickte mir aber dennoch alle Jahre zu Weihnachten ein Früchtebrot, denn er war Bäcker. Auch wollte er mir seine Harfe, die er vorzüglich spielte, nach seinem Tode zukommen lassen, daraus wurde aber nichts. Sonst wäre ich vielleicht Harfenist geworden, aber wohl eher einer von der irischen Art, ein Balladensänger.

Ein einzigartiges Leben schreibt die spannendsten Geschichten! Finden Sie heraus, wie es mit Felix Mitterer weitergeht; das Werk ist mit Aufnahmen aus seinem Privatarchiv und den Archiven der Theater- und Fernsehanstalten ergänzt. Neugierig geworden? – Hier geht’s zum Buch!